Von Hans Harald Bräutigam

Bis zum 12. Dezember des vergangenen Jahres schien die Welt für Geburtshelfer, die sich an die Richtlinien ihres Faches hielten, noch in Ordnung zu sein. Nach überstandener Geburt, das hatte die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde im Jahre 1986 empfohlen, sollte jedes Baby eine Vitamin-K-Spritze (ein Milligramm Konakion) erhalten, um einem Vitamin-K-Mangel und damit der Gefahr einer Hirnblutung im ersten Lebensjahr vorzubeugen. Die Kinderarztprofessoren hatten nämlich aus ihren Statistiken errechnet, daß ohne eine Prophylaxe mit Vitamin K jährlich mindestens dreißig Kinder in Deutschland an Hirnblutungen erkranken würden. Seit der Einführung von Vitamin K in den sechziger Jahren sind Millionen Neugeborene damit versorgt worden – also schon Jahre vor der Empfehlung durch die Ernährungskommission.

Jetzt hat das Bundesgesundheitsamt in Berlin das Ruder herumgeworfen und vor den Konakionspritzen gewarnt. Der Grund: Vitamin-K-Spritzen sollen, im Gegensatz zu Vitamin-K-Tropfen, bei Kindern angeblich Krebs erzeugen.

Die Nachricht aus Berlin ist bei Geburtshelfern und Eltern wie eine Bombe eingeschlagen. In den Kreißsälen stünden, wie der Gynäkologiedozent Gerald Hoffmann aus Wiesbaden mitteilt, die Telefone nicht mehr still, weil Eltern nach einer Fernsehsendung („Report’ vom 14. Dezember) wissen wollen, ob ihr Kind nun krebsgefährdet sei. Die Sorge ist nur zu verständlich.

Auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, gehörte die prophylaktische Vitamin-K-Gabe bislang zu guter geburtshilflicher Praxis. Doch Jean Golding vom Königlichen Kinderhospital in Bristol hatte den Verdacht geschöpft, daß die Geburtshelfer einem folgenschweren Irrtum unterlegen seien. Nach der Durchsicht von Krebsregistern und Geburtsprotokollen stieß Frau Golding auf 195 krebskranke Kinder, die zwischen 1965 und 1987 in der Grafschaft Avon, einem Landstrich mit sonst unauffälligen Krankheitsdaten, auf die Welt gekommen waren. Sie alle hatten bei der Geburt Vitamin-K-Spritzen erhalten.

Diese Beobachtung ließ die Ärztin vermuten, daß zwischen kindlichen Krebserkrankungen und Konakionspritzen im Kreißsaal Zusammenhänge bestünden. Sie ging dem Verdacht nach und legte ihre Berechnungen in der angesehenen englischen Ärztezeitschrift, dem British Medical Journal vom 8. August 1992, vor: Danach verdoppelt sich das Krebsrisiko nach Vitamin-K-Spritzen, während die über drei Tage gegebenen Vitamin-K-Tropfen kein Krebsrisiko nach sich zögen.

Das von Jean Golding aufgestellte Zahlenwerk ist zwar unzweifelhaft, nicht aber ihre Bewertung der Zahlen. Bei der von ihr aus praktischen Gründen gewählten retrospektiven Erfassung, das heißt der Rückschau und nicht der Vorschau auf mögliche Krankheitsereignisse, schleichen sich nämlich leicht unbeabsichtigte Verzerrungen in die Statistik ein. Diese sogenannten biased results entstehen beispielsweise dadurch, daß sich die Erkrankten oder ihre Angehörigen nicht mehr an Ereignisse aus der Krankheitsvorgeschichte erinnern, an Röntgenuntersuchungen etwa oder andere für die Krankheitsentstehung möglicherweise wichtige Ereignisse. Hinzukommt, daß normalerweise bei der Suche nach Krankheitsursachen haltgemacht wird, wenn ein plausibler Grund gefunden wurde.