BOBINGEN. – Vom Werkstor bis zur Moschee sind es fünf Minuten zu Fuß. Nach Schichtende strömen die Arbeiter auf die Straße. Knappe Abschiedsgrüße, eilige Schritte. Es wird eng. Am Eingang der Moschee drängen sich die Männer. Einer nach dem anderen schlüpft aus seinen Schuhen und reiht sie ins Holzregal. Als der letzte die Türe hinter sich zuzieht, kehrt Ruhe ein. Von außen deuten nur noch ein Halbmond über dem Eingang und die unscheinbaren Rundbögen in den Fenstern auf ein Gotteshaus hin.

Oben im ersten Stock versammelt sich nach und nach der Krisenstab der Muslimgemeinde. Der Imam Kalif Türkoglu rollt sorgfältig einen Bauplan auseinander. Stolz präsentiert er die Zeichnung eines Architekten: Neben der Moschee prangt darauf ein 25 Meter hohes Minarett. „Warum erlaubt der Bürgermeister zuerst die Moschee, wenn wir dann kein Minarett bauen dürfen?“ übersetzt Kemal Mutlu, der am besten Deutsch kann, die Worte des Imams. Die Männer beginnen ihren Tee zu schlürfen.

Ein paar Straßen weiter eilen die Gemeinderäte die Stufen zum ersten Stock des Rathauses hinauf. Kurz nach 17 Uhr haben es alle geschafft. Der Bauausschuß ist beisammen. Tagesordnungspunkt zwei: Bauantrag der Muslimgemeinde über die Errichtung eines 25 Meter hohen Minaretts. Der Bürgermeister hat das Wort. Hinter sich an der Wand weiß er den Gekreuzigten aus Holz geschnitzt. Vor sich die Gemeinderäte und einen dicken Stapel Papier. Nach Paragraph 34 Baugesetz, sagt er, müßten sich alle Häuser in Bobingen in die Landschaft einfügen. Genehmigt werden könnten nur schwäbische Steildachhäuser, keine Südtiroler Bauernhöfe, keine ostfriesischen Katen und schon gar keine orientalischen Minarette. Nach zehn Minuten lehnen die Herren vom Bauausschuß den Antrag der Muslimgemeinde einstimmig ab, genauso wie vor einem dreiviertel Jahr, als sie schon einmal darüber zu entscheiden hatten. Die Türken werden für den nächsten Tag zum Bürgermeister gebeten. „Schlechte Nachrichten“, sagt Kemal Mutlu, als er das Abstimmungsergebnis hört. Denn jetzt muß ein Gericht den mittlerweile als Präzedenzfall gehandelten bayerisch-türkischen Minarettstreit schlichten.

Bobingen, zwölf Kilometer vor Augsburg im Regierungsbezirk Schwaben gelegen, unterscheidet sich von anderen bayerischen Kleinstädten nicht nur dadurch, daß der Bürgermeister ein Sozialdemokrat und zudem evangelisch ist. Nein, Bobingen hat noch mehr Exoten: Elf Prozent der 15 000 Einwohner sind Türken. Sie wurden vom größten Arbeitgeber am Ort, einem Chemieunternehmen, als Gastarbeiter angeworben. Achtzig Prozent der Bobinger Türken arbeiten nun in der Fabrik, und die meisten von ihnen wohnen auch im Industriegebiet. Und da wo sie arbeiten und leben, da beten sie auch.

So kam es, daß die 280 Mitglieder starke Muslimgemeinde vor drei Jahren den Antrag stellte, direkt neben dem Werk ein Wohnhaus zur Moschee umbauen zu dürfen. Da das Vorhaben allein aus Spenden finanziert wurde und die Moschee das schwäbische Steildach ihres früheren Daseins als Wohnhaus behalten sollte, störte sich niemand an dem Umbau. Anfang diesen Jahres hatten die Türken dann jedoch genügend Geld beisammen, um zu ihrer Moschee auch noch das 100 000 Mark teure Minarett bauen zu können. Freilich war nie geplant, daß ein Gebetsrufer auf das Minarett steigt. Gebaut werden soll der Turm nur, weil er halt zu einer Moschee dazugehört, „als Symbol“, sagt Kemal Mutlu, „ohne Muezzin und ohne Lautsprecher“. Doch der Bauausschuß des Gemeinderats lehnte den Antrag ab.

Das wollten die Muslime nicht hinnehmen. Sie legten bei der zuständigen Bezirksregierung Schwaben in Augsburg Widerspruch ein und stießen auf offene Ohren. Postwendend bekam der Bobinger Bürgermeister Hartmut Gärtner einen Brief vom zuständigen Regierungsdirektor. Er sähe keinen vernünftigen Grund, den Bau des Minaretts abzulehenen. Schließlich falle auch ein orientalischer Kirchturm unter den Schutz der Religionsfreiheit und sei schon deshalb nicht mit einem Ostfriesen-Wohnhaus zu vergleichen. Außerdem wisse man doch, daß „ein Minarett zur Moschee gehört wie der Kirchturm zum Dorf“.

Nach diesem Dolchstoß der Vorgesetzten mußte der Bauausschuß von Bobingen noch einmal über den Antrag entscheiden. Doch zunächst versuchte Bürgermeister Gärtner, den Turm auf dem Verhandlungsweg zu kappen. Fünfzehn Meter wollte die Stadt der Muslimgemeinde zubilligen. „Lächerlich“, befand der Imam, „denn ein Minarett muß mindestens doppelt so hoch sein wie das Hauptgebäude der Moschee.“ So sei es die Regel im Islam. Schließlich drehe sich „dieser Hahn auf einem deutschen Kirchturm“ auch sehr weit oben.