Von Karl-Heinz Janßen

Tag und Nacht rattert der Güterzug nun schon durch die unsichtbare Gegend. In dem verplombten, fensterlosen Waggon liegen fünfzig Mann auf Stroh und dösen vor sich hin. Einige der Gefangenen pressen von Zeit zu Zeit ihr Gesicht an die Bretterwand, durch deren Ritzen spärliches Licht fällt. Allmählich wissen sie, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht. Kein Zweifel: Fahrtrichtung Ost. Immer, ferner wird in diesem Winter 1953/54 die Heimat, und mit jedem Kilometer schwindet die Hoffnung auf ein Wiedersehen, wächst die Verzweiflung.

Die Männer kommen aus Kriegsgefangenenlagern rund um Stalingrad; sie haben die zerstörte Stadt an der Wolga nach der deutschen Niederlage wieder aufbauen müssen. Allesamt sind sie 1949 als Kriegsverbrecher zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Doch 1953, nach Stalins Tod, keimte Hoffnung auf: Die Sowjetunion begann, auch die „Kriegsverurteilten“ (so der deutsche Terminus) nach Hause zu schicken. Es sprach sich in den Lagern herum, daß zehntausend verurteilte Kriegsgefangene in die DDR entlassen worden waren. Plötzlich aber werden die restlichen Verurteilten aus den Lagern im europäischen Rußland in den Raum Swerdlowsk im Mittelural verlegt. Die Reise nach Osten wirkt auf die Gefangenen wie ein endgültiges Todesurteil. „Wie komme ich je wieder nach Haus?“ fragen sich alle. Sie können es nicht fassen, daß niemand sie herausholt – weder die Amerikaner noch der westdeutsche Staat, weder das Rote Kreuz noch die Kirchen.

Dann unversehens – nach dem Besuch Bundeskanzler Adenauers im Kreml – öffnen sich die Tore zur Freiheit. Unter den zehntausend Spätheimkehrern ist Heinrich Meyer, ein Wehrpflichtiger, der siebzehn Jahre seines jungen Lebens – erst beim Barras, dann in der Gefangenschaft – dem Vaterland geopfert hat. Fast vierzig Jahre alt, muß er seine angeschlagene Gesundheit kurieren, sich einen Beruf suchen, eine Familie gründen. Da ist die schlimme Zeit bald verdrängt.

Wach wird sie erst wieder, als Meyer nach der Pensionierung beginnt, Geschichte, Politik und Soziologie zu studieren. Ihm fällt auf, daß sich weder Universitäten noch Forschungsämter und Institute für das schwere Los der Spätheimkehrer interessieren, es gibt keine einzige Dissertation und noch fast keine Literatur. Als erster deutscher Historiker widmet sich Meyer nun in einer Dissertation der Kriegsgefangenenpolitik der Bundesrepublik. In seiner Untersuchung hat er viele Indizien zusammengetragen, die eigentlich nur einen Schluß zulassen: Konrad Adenauer hat seine Politik der Wiederbewaffnung und der Eingliederung in den Westen ohne Rücksicht auf die deutschen Geiseln in der Sowjetunion durchgesetzt. Die Staatsräson der Bundesrepublik verbot jeglichen Kontakt mit der Sowjetunion und mit ihrem Geiselregime in der DDR, solange die Verträge mit dem Westen nicht unter Dach und Fach waren. Das lang gehegte Bild von Adenauer als dem unermüdlichen Anwalt der Gefangenen verblaßt.

Da achtzig Prozent der westdeutschen Bevölkerung seit der Katastrophe von 1945 mit dem Militär nichts mehr im Sinn hatten, mußte die Wehrpropaganda der Bundesregierung unentwegt das Feindbild von der „asiatischen Bedrohung Europas“ beschwören. Das Anschauungsmaterial lieferte der alltägliche Stalinismus frei Haus; das Martyrium der Kriegsgefangenen und ihrer Angehörigen paßte genau in dieses Schema.

Am 5. Mai 1950 schockierte eine Tass-Meldung das deutsche Volk: Die Repatriierung sei nunmehr restlos abgeschlossen. Zurück blieben lediglich 9717 Kriegsverbrecher, 3815 Untersuchungshäftlinge und 14 Kranke.

„Wenn diese Meldung richtig ist, dann würde sie fürchterlich sein für Millionen von Deutschen“, erklärte Bundeskanzler Adenauer; der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher meinte, wenn sie stimmte, würde sie „jede kommunistische Politik in Deutschland unmöglich machen“; Bundesjustizminister Thomas Dehler (FDP) fand es an der Zeit, die KPD zu verbieten (was dann erst 1956 geschah).

Die Meldung aus Moskau war deshalb so schockierend, weil man noch mindestens 1,5 Millionen Kriegsgefangene in der Sowjetunion vermutete (laut Tass waren es im Mai 1945 3,5 Millionen, von denen nun 1,9 Millionen heimgekehrt sein sollten). Noch heute ist das Schicksal von 1,3 Millionen Vermißten ungeklärt.

Was konnte die Bundesregierung nach der Tass-Erklärung vom Mai 1950 noch für die Kriegsverurteilten tun? Eine eigene Außenpolitik war ihr bis 1951 nicht erlaubt. Also wandte sich Adenauer an die drei alliierten Hochkommissare, die daraufhin ihren russischen Kollegen General Tschuikow in Karlshorst aufforderten, Auskunft über das Schicksal der Gefangenen zu geben und in ganz Deutschland freie Wahlen zuzulassen. Tschuikow reagierte nicht. Sein Schweigen kann weder die Alliierten noch Adenauer verwundert haben, denn das Junktim mit den freien Wahlen blockierte jede Verständigung mit dem Osten. Aus strategischen und ideologischen Interessen wollte und konnte die Sowjetunion nicht den Verlust der DDR riskieren.

Worauf es wirklich ankam, hatte bereits der Münchner Professor für Ostrecht, Reinhard Maurach, in einem Gutachten zu den Kriegsverbrecherprozessen dargelegt. Inmitten des rücksichtslosen Propagandakrieges zwischen Ost und West wagte er, der Vorstellung zu widersprechen, daß „der Koloß im Osten“ gegen jeden Appell an Humanität und Gerechtigkeit unempfindlich sei. Für eine Revision der ungerechten Urteile scheine der Gnadenweg (Begnadigung oder Amnestie) „die praktisch günstigsten Aussichten zu eröffnen“. Auf diese Weise könne die Sowjetunion ihr Gesicht wahren, da sie gegenüber einem „Appell an ihre Großmut“ schon aus Prestigegründen stets hellhörig sei.

Ob Adenauer jenes Gutachten überhaupt beachtet hat, wissen wir nicht. Jedenfalls hat er mit seinen nächsten außenpolitischen Handlungen erst einmal den Weg nach Osten verbaut: Am 29. August 1950 bot er den Westmächten deutsche Soldaten an. Im September bezichtigte der Bundestag die „Handlanger“ Moskaus in der DDR des Verbrechens gegen die Menschheit, auch weil sie „die unmenschliche Behandlung deutscher Kriegsgefangener und Verschleppter“ verteidigten – der Stoß zielte auf den Kreml.

Am 20. Oktober reisten der SPD-Abgeordnete Herbert Wehner, der CDU-Abgeordnete Eugen Gerstenmaier und Raimund Hergt vom Bundesjustizministerium zur Uno nach New York, um den Delegationen Amerikas und Englands eine Stellungnahme zur Kriegsgefangenenfrage zu überreichen, dazu eine Dokumentation, die der Suchdienst des Roten Kreuzes aus eidesstattlichen Aussagen der Heimkehrer zusammengestellt hatte.

Deutschland war durch die Feindstaatenklausel von den Vereinten Nationen ausgeschlossen. Deshalb brachten die Westmächte das Memorandum in Umlauf und schlugen der UN-Vollversammlung vor, die deutsche Beschwerde von einer Kommission prüfen zu lassen.

Die Sowjetunion und die Ostblockstaaten Polen und Tschechoslowakei lehnten das Ansinnen ab. Moskau wollte sich nicht von dem kleinen Bonn vorführen lassen. Daraufhin ließ die deutsche Delegation den Entwurf abmildern, um die Sowjetunion nicht unnötig zu reizen. Nunmehr sollten alle ehedem kriegführenden Nationen, also auch die Westmächte, begründen, warum sie noch Kriegsverbrecher in Haft hielten. Bis zum 30. April 1951 mußten sie den UN-Generalsekretär sowohl über die Inhaftierten als auch über die Verstorbenen informieren. So schien eine friedliche Lösung möglich, bei der die Sowjetunion ihr Gesicht nicht verlor.

Doch neun Tage vor der Eröffnung der UN-Vollversammlung wurde aus Bonn ein verheerender Querschuß abgefeuert: Am 5. Dezember 1950 veröffentlichte das Bundespresseamt eine Stellungnahme, in welcher „mit großem Ernst“ schwerste Vorwürfe gegen die Sowjetunion erhoben wurden: Sie habe gegen die Menschenrechte, die Haager Landkriegsordnung, die Konventionen des Internationalen Roten Kreuzes, die christliche Morallehre, die Nürnberger Rechtsprechung und die „unter gesitteten Völkern feststehenden Gebräuche“ verstoßen. Es war sogar von einer „Zersetzung der Völkerrechtsgemeinschaft“ die Rede. Der UN-Kommission wurde angeraten, die Identität der namentlich bekannten Gefangenen geheimzuhalten, da sonst „erfahrungsgemäß“ deren Leben gefährdet sei.

Weiten Teilen der deutschen Bevölkerung hat es sicherlich wohlgetan, daß ihre Regierung den Sowjets all ihre Vergehen an den Kriegsgefangenen vorrechnete: Geheimhaltung der Namen, keine Totenlisten, Zwangsarbeit für Frauen, Einschränkung des Postverkehrs, keine internationale Kontrolle der Lager, Verzögerung der Heimkehr, Verschleppung von Zivilpersonen aus den besetzten Gebieten, das Erpressen von Geständnissen durch Folter, schließlich das Unrecht der Massenverurteilungen.

Die Bonner Erklärung vom 5. Dezember 1950 könnte auch heute noch als Dokument berechtigter moralischer Anklage bestehen. Nur: Im Krieg mit Rußland, der eben erst fünf Jahre vorbei war, hatten das Deutsche Reich, seine Wehrmacht, SS und Polizei fast ausnahmslos die gleichen, wenn nicht schlimmere Verbrechen an wehrlosen sowjetischen Gefangenen verübt: Erschießungen und Vergasungen in den KZs, Massenexekutionen hinter der Front, Hinrichtungen und Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren und Schuldnachweis, Deportationen von Millionen Zwangsarbeitern. Drei Millionen Rotarmisten waren in deutscher Gefangenschaft umgekommen.

Der Historiker und einstige Gefangene Heinrich Meyer hat leider recht, wenn er die Erklärung der Bundesregierung scharf verurteilt: Das sei „die Sprache des Kalten Krieges, anklagend im Ton, aggressiv in der Wortwahl“; der Text sei „eine beabsichtigte Provozierung der Bundesrepublik Die noch nicht einmal souveräne Bundesrepublik forderte eine der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs heraus, eine Supermacht, die siebzehn Millionen Menschen in der DDR und Zehntausende Kriegsgefangene und Verschleppte als Geiseln hielt.

Kein Wort darüber, wie man über die Freilassung verhandeln könnte und sollte, kein Appell an die Großmut des Siegers, keine Bitte um Gnade. Da die Regierung selber nicht mit der Sowjetunion verhandeln durfte noch wollte, hätte sie wenigstens berufenen humanitären Institutionen die nötigen Schritte überlassen können: dem Roten Kreuz, den Kirchen, den Kriegsopferverbänden. Aber gerade das hat die Bundesregierung in den folgenden fünf Jahren „konsequent abgelehnt, behindert und im Enderfolg verhindert“, wie Meyer nachweist. Durch dieses Verhalten wurde Stalin und seinen Nachfolgern erleichtert, die Lüge von den „rechtmäßig verurteilten“ Gefangenen aufrechtzuerhalten.

Dennoch hat sich die Bundesregierung in der ganzen Zeit damit gebrüstet, daß sie „alles Erdenkliche“ für die Kriegsgefangenen unternehme. Ihre politischen Aktionen beschränkten sich jedoch auf die UN-Kommission. Da deren Arbeit von den Ostblockländern boykottiert wurde, konnten sich die Bonner Delegierten unmittelbar lediglich um die relativ wenigen Kriegsverbrecher in westlichen Gefängnissen kümmern.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) durfte sich erst verspätet für die Kriegsgefangenen einsetzen. Zunächst lag die Arbeit der Registrierung, Postauswertung und des Paketdienstes fast ganz auf den Schultern des in den Bundesländern organisierten Suchdienstes. Seine Mitarbeiter legten Sonderschichten ein, obschon die finanzielle Unterstützung durch die Bundesregierung zu wünschen übrig ließ (pro Karteikarte dreißig Pfennig). Erst 1951, ein Jahr nach der Gründung, wurde das DRK von der Bundesregierung als nationale Hilfsorganisation anerkannt.

Bei der internationalen Rotkreuz-Konferenz in Toronto im Sommer 1952 wandte sich die Sowjetunion gegen die Aufnahme des DRK, weil es nicht für das ganze Deutschland sprechen könne (in der DDR gab es noch keine Rotkreuz-Gesellschaft). Um so höher ist es zu bewerten, daß die Sowjets dennoch mit allen anderen Delegationen für eine Resolution stimmten, welche den nationalen Rotkreuz-Gesellschaften die humanitäre Aufgabe zuwies, als natürliche Vermittler zu ihren Regierungen „im größten Ausmaß“ die Freilassung der Gefangenen zu erleichtern.

Die Resolution ging zurück auf einen Antrag der deutschen Delegation, der von den kanadischen Gastgebern unterstützt und durchgesetzt wurde. Die Deutschen hatten wohlweislich darauf gedrungen, alle politischen und rechtlichen Erörterungen beiseite zu lassen, um eine Zustimmung der Ostblock-Delegationen zu erreichen. Zwei fähige Beamte des Auswärtigen Amts hatten diesen Antrag mitgetragen. Es bot sich also die Möglichkeit, über unmittelbare Kontakte zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Roten Kreuz das Leiden der Gefangenen zu vermindern und Auskünfte über die Vermißten zu erlangen.

Statt dessen geschah das Gegenteil: Kaum war der Präsident des DRK, Heinrich Weitz, aus Toronto zurück, wurde ihm vom Auswärtigen Amt abgeraten, selber die Initiative zu ergreifen. Die Bundesregierung widerrief also intern den einstimmigen Beschluß der Konferenz und brachte damit das von ihr finanziell abhängige Rote Kreuz in arge Verlegenheit. Als Journalisten ungläubig in Bonn nachfragten, erfuhren sie, im Auswärtigen Amt habe man den Eindruck, Präsident Weitz wolle die Bemühungen der Bundesregierung bei der UN-Kommission für Kriegsgefangenenfragen behindern ...

Unverkennbar hat die Regierung Adenauer ihre Kriegsgefangenenpolitik den Zielen ihrer Außenpolitik untergeordnet und eben nicht alles Erdenkliche versucht oder andere versuchen lassen. Diese Politik der Bundesregierung illustriert auch die Abfuhr, die der Verband der Heimkehrer erhielt. Seit seiner Gründung im März 1950 war er als Interessenvertretung aller Kriegsgefangenen anerkannt. Dreimal bat er die Bundesregierung, zu Sitzungen des Ad-hoc-Ausschusses der UN-Kommission für Kriegsgefangenenfragen in Genf einen Vertreter der Heimkehrer in die Bonner Delegation aufzunehmen. Und jedesmal hat sich das Auswärtige Amt (sein Chef war Adenauer selber) verweigert, ohne plausible Begründung. Die Absage wäre auch nicht überzeugend zu begründen gewesen, denn der Vizepräsident des japanischen Heimkehrerverbandes (auch Japan hatte in der Sowjetunion noch viele Gefangene) nahm als Mitglied seiner Regierungsdelegation an den Sitzungen in Genf teil.

Im Oktober 1952 forderte der Heimkehrerverband die Freilassung aller deutschen Gefangenen in Ost und West. Unterstützt wurde er von sieben Millionen Bundesbürgern, die ihre Namen in sogenannte Treuelisten eintrugen. Öffentlich hatte der Verband die Versuche über die Uno als ungenügend kritisiert und andere Wege empfohlen, „um zumindest indirekt mit dem Osten ins Gespräch zu kommen“. Zum Beispiel schlug er vor, den östlichen Ländern ein Angebot zu machen – „als gemeinsames Opfer des deutschen Volkes“.

Das war offensichtlich schon zuviel der Kritik. Adenauer wollte nämlich erst dann mit dem Osten sprechen, wenn der Westen von einer Position militärischer Stärke aus über die Wiedervereinigung verhandeln konnte. Der Heimkehrerverband bekam seine Quittung, als ihm, mitten in der Gedenkwoche für die Kriegsgefangenen, untersagt wurde, die Treuelisten auch in den Bundesministerien auszulegen. Bundesinnenminister Lehr begründete das Verbot: Der Verband habe den guten Willen der künftigen westlichen Vertragspartner angezweifelt.

Inzwischen hatte sich DRK-Präsident Weitz entschlossen, selber nach Moskau zu reisen, um mit dem sowjetischen Roten Kreuz zu verhandeln, ganz im Sinne der „unabdingbaren Verpflichtungen“ von Toronto. Daraufhin zog Bundeskanzler Adenauer die Notbremse. Am 23. Januar 1953 – in Washington trat gerade der republikanische Präsident Eisenhower sein Amt an – richtete der Bundeskanzler als Verantwortlicher für die Bonner Außenpolitik brieflich „eine ernste Mahnung“ an Weitz.

Er halte, schrieb Adenauer, die vorgesehene Aktion „für ganz aussichtslos“. Sie könne „nur bei vielen unglücklichen Menschen Hoffnungen wecken, die bitter enttäuscht werden müssen“. „Mit allem Ernst“ malte er die außenpolitische Gefahr an die Wand, daß die neue amerikanische Regierung Zweifel an der Bundesrepublik befallen könne. Gerade die Amerikaner würden dem Verhalten des Deutschen Roten Kreuzes „eine große repräsentative Bedeutung für die Volksstimmung und Volksmeinung“ beimessen. Adenauer erwartete, daß Weitz seinen Reiseplan aufgab.

Weitz schrieb zurück, er gebe sich keiner Illusion hin, wisse sich jedoch in Übereinstimmung mit der Volksmeinung, und die würden auch die Amerikaner richtig verstehen. Schon Teillösungen würden jeden Versuch rechtfertigen. Noch im März traf sich Weitz mit Adenauer; beide blieben hartnäckig bei ihrer Position. Das einzige, was der Kanzler zugestand, waren Kontakte zu anderen Rotkreuz-Gesellschaften (zwecks Vermittlung in Moskau). Präsident Weitz ließ sich, zum Schaden der Sache, zunächst auf die Anregung der Bundesregierung ein, sich in der Schweiz mit dem indischen Ministerpräsidenten Nehru zu treffen, der als Neutraler in Moskau vermitteln sollte. Folglich mußte Weitz erst die Antwort des Inders abwarten, ehe er nach Moskau reisen konnte. Doch Nehru antwortete nie ...

Gedrängt von den Kriegsopferverbänden, versprach Adenauer, er werde im April 1953 bei seinem ersten Staatsbesuch in Amerika „dieses tragische Problem“ der Kriegsgefangenen mit Präsident Eisenhower besprechen. Das tat er dann in der gewohnten Weise. Im gemeinsamen Kommuniqué vom 9. April 1953 heißt es gleich in Punkt 1, an die Adresse der Nachfolger Stalins, es könne keinen besseren Beweis guten Willens geben als freie Wahlen in der Sowjetzone und die Freilassung „der Hunderttausende (!) von deportierten deutschen Zivilisten und Kriegsgefangenen“.

Nicht Adenauer bewirkte Wunder in Moskau, sondern der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR. Im August, kaum zwei Monate nach den Unruhen, lud der Kreml eine Regierungsdelegation aus Ost-Berlin und Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes der DDR zu Verhandlungen nach Moskau. Hernach wurde bekanntgegeben, man wolle die deutschen Kriegsgefangenen von der weiteren Abbüßung ihrer Strafen durch eine Amnestie befreien. Ausgenommen seien nur Personen, die besonders schwere Verbrechen gegen den Frieden und die Menschheit begangen hätten. Zahlen nannte man bezeichnenderweise nicht.

Insgesamt sind bis Januar 1954 ungefähr 17 000 Gefangene zurückgekommen. Alle wurden in die DDR entlassen; die im Westen Beheimateten durften zum Aufnahmelager Friedland Weiterreisen. Konrad Adenauer sah sich in seiner Regierungserklärung vom 20. Oktober 1953 genötigt, die Entlassungen „mit großer Freude und Genugtuung“ zu begrüßen.

Gewiß wollten Stalins Nachfolger ein Zeichen setzen, nur gönnten sie diesen Triumph nicht der Bundesrepublik. Unangenehm berührt waren sie von dem Propagandarummel, der in Westdeutschland mit den Spätheimkehrern veranstaltet wurde; man hätte es lieber diskreter und geräuschloser gehabt. Und alle Vorurteile gegen den Westen fanden Nahrung, als bekannt wurde, daß westliche Geheimdienste die Heimkehrer ausfragten.

Nach der Unterredung mit Adenauer hatte Weitz zunächst versucht, über das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Genf und über die kanadische, irische und schwedische Schwestergesellschaft mit dem sowjetischen Roten Kreuz Verbindung aufzunehmen. Moskau aber bestand auf direkten Kontakten, wie es international üblich war; so hielt man es mit der DDR und mit Japan.

Im Mai 1953 faßte sich DRK-Präsident Weitz ein Herz und schrieb einen Brief an den Präsidenten des sowjetischen Roten Kreuzes, Wassilij Cholodkow. Der jedoch ließ ihn ein Jahr lang hängen. Im Herbst 1953, nach dem sechsten Transport, stockte die Rückführung der Gefangenen. Und gerade in diesem Moment wurde Präsident Weitz in den Augen der Sowjets diskreditiert, weil in Bonn mit Statistiken des Suchdienstes eine neue Propagandaoffensive gegen Moskau eröffnet wurde. Bis dahin hatte sich Weitz keine Blöße gegeben, nie die sowjetischen Verlautbarungen öffentlich angezweifelt, nie von Kriegsgefangenen, sondern immer nur von Kriegsverurteilten gesprochen, sich auch nie an dem Zahlenstreit der Politiker und der Presse beteiligt, vielmehr davor gewarnt. Auch hatte er nie den Eindruck zu erwecken versucht, die Mehrzahl der 103 000 Soldaten, von denen man genau wußte, daß sie in Gefangenschaft geraten waren, sei noch am Leben.

Während das deutsche Volk bangte, ob wirklich alle Gefangenen freikämen, wurden den Nachrichtenagenturen auf einmal die Postschreiblisten des Suchdienstes zugespielt. Daraus ergab sich, daß noch 8000 Verurteilte ihren Angehörigen schrieben; diese Zahl verglich man in der Presse mit der Tass-Meldung von 1950. Trotz des eher kleinen Unterschieds wurde eine Polemik entfesselt, die Präsident Weitz am 21. Oktober 1953 auf einer Gedenkkundgebung in Düsseldorf-Mettmann als „ganz unnötig“ bedauerte. Bis heute darf man rätseln, wer wohl an der Indiskretion ein Interesse hatte.

Erst im März 1954 bekam Weitz Post aus Moskau. Cholodkow erklärte die Rückführung amnestierter Kriegsverbrecher für abgeschlossen. Das sowjetische Rote Kreuz zeigte sich jedoch einem Kontakt mit dem „Roten Kreuz Westdeutschlands“ nicht abgeneigt. Termin und Ort für eine Begegnung blieben offen.

Bewegung entstand erst wieder im Sommer, als Gustav Heinemann, der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (damals noch des ganzen Deutschlands), vom Moskauer Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche eingeladen wurde. Anders als dem Roten Kreuz und dem Heimkehrerverband konnte Adenauer den Kirchen nicht ohne weiteres in den Arm fallen. Vor Heinemann war 1952 schon der hessische Kirchenpräsident Martin Niemöller in Moskau gewesen, ein Besuch, den Adenauer als schädlich für die Bundesrepublik rügte. Die darauf in Bonn inszenierte Diffamierungskampagne gipfelte in den Vorwürfen, Niemöller habe Landesverrat begangen und sei „ein Feind des Staates“.

Zu seinem Entsetzen erfuhr Heinemann in Moskau, das DRK habe noch nicht einen einzigen Fall vorgetragen, obschon die Russen bereit waren, zumindest über die Zivilinternierten Auskunft zu geben. Was die 10 000 Kriegsverurteilten anging, so wollte die Regierung „von Fall zu Fall“ Humanität walten lassen.

Nach seiner Rückkehr ermunterte Heinemann den DRK-Präsidenten – sie kannten sich seit den vierziger Jahren aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Düsseldorfer Landesregierung –, in Moskau selber, vielleicht durch eine eigene Vertretung, die Dinge voranzutreiben. Als Weitz ihn darüber aufklärte, daß Adenauer das Rote Kreuz behindert habe, schrieb Heinemann am 27. September 1954 empört einen Brief an den Kanzler. Er forderte ihn auf, endlich dem Roten Kreuz „volle Handlungsfreiheit und volle Unterstützung“ zu gewähren. Natürlich war Adenauer zu stolz, sich persönlich auf ein Duell mit seinem alten Widersacher Heinemann einzulassen. Die Gegenattacken überließ er seinen Beratern Hallstein und Blankenborn, die auf den Kern der Vorwürfe gar nicht eingingen, sondern nur wissen wollten, von wem Heinemann die „klaren Beweise“ für das Verhalten Adenauers bekommen habe.

Heinemann tat ihnen den Gefallen nicht, da Weitz ihn dringend gebeten hatte, seinen Namen nicht zu nennen: „Ich scheue jedes schriftliche Wort. Man weiß ja nie, ob und wie man bespitzelt wird, auch bei sauberstem nationalen Gewissen.“ Heinemann aber widerfuhr das gleiche wie einst Kirchenpräsident Niemöller nach seinem Moskaubesuch: Er wurde diffamiert. Das Bundespresseamt verbreitete die Information, er lasse sich aus der Ostzone bezahlen ...

Nachdem die Bundesrepublik im Herbst 1954 der Nato beigetreten war, rührte sich in der Gefangenenfrage gar nichts mehr. Weitz machte sich, sehr zum Mißfallen Adenauers, öffentlich Gedanken, wie man der Sowjetunion entgegenkommen könne: Zum Beispiel könne man dem sowjetischen Roten Kreuz Einrichtungen stiften. „Selbstverständlich“ sei eine Befreiung der Gefangenen und Internierten vom Wehrdienst. Nach 1955 fand die Bundesregierung nichts dabei, daß Spätheimkehrer freiwillig in die Bundeswehr eintraten: Hermann Foertsch, letzter Chef des Stabes der Kurland-Armee, wurde Generalinspekteur der Bundeswehr (Moskau: „ein arroganter, unfreundlicher Akt“), Erich Hartmann, erfolgreichster Jagdflieger des Zweiten Weltkrieges, befehligte als Kommodore ein Starfighter-Geschwader.

Den vereinten Bemühungen von Präses Heinemann und dem Berliner Propst Grüber war es schließlich zu verdanken, daß Präsident Weitz im Frühjahr 1955 überraschend vom sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin, Puschkin, eingeladen wurde. In einer langen Unterredung am 26. März 1955 deutete Puschkin eine Änderung der sowjetischen Politik an. Das DRK durfte auf ein Gespräch in Moskau hoffen. In einem Dankesgruß an Heinemann fragte Weitz rhetorisch: „Und nun: Wie sage ich es meinem K[onrad].“

Dieses Problem nahmen ihm die Russen ab. Nachdem die Bundesrepublik im Mai 1955 souverän geworden und die Teilung Deutschlands also auf lange Zeit besiegelt war, lud die Sowjetregierung Adenauer nach Moskau ein, um mit ihm über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu verhandeln. Der Kanzler nahm an, setzte aber zum erstenmal seit 1950 die Kriegsgefangenenfrage auf die Tagesordnung einer möglichen Verhandlung mit der Sowjetunion.

Bei den dramatischen Sitzungen im Kreml im September 1955 zeigte sich Regierungschef Marschall Bulganin zunächst unerbittlich. Die 9626 zurückgebliebenen Deutschen seien „Menschen, die ihr Menschengesicht verloren haben. Das sind Gewalttäter, Brandstifter, Mörder von Frauen, Kindern und Greisen.“

Als die Konferenz zu scheitern drohte, schaffte der SPD-Abgeordnete Carlo Schmid den Durchbruch. Er sprach von den Verbrechen, die von Deutschen am russischen Volk begangen wurden („wie vielleicht nie in der Weltgeschichte“), von deutscher Scham und der moralischen Verantwortung derer, die das Hitler-Regime nicht zu verhindern mochten. „Ich rufe nicht die Gerechtigkeit an. Ich appelliere an die Großherzigkeit des russischen Volkes.“ Er bat nicht für die Verurteilten, wohl aber für deren Frauen, Kinder und Eltern: „Lassen Sie Gnade walten!“ Parteichef Nikita Chruschtschow reagierte spontan: „Das war das rechte Wort und auch die rechte Art.“ Später, beim Staatsempfang, gaben die Sowjetführer Adenauer ihr Ehrenwort, alle zurückgehaltenen Personen freizulassen. Schweren Herzens zahlte Adenauer den bitteren Preis: Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Moskau. Doch er bestand auf schriftlicher Zusage für die Heimkehr der Gefangenen. Bulganin entgegnete: „Wenn Ihnen das Ehrenwort eines Marschalls der Sowjetunion nicht genügt, was soll da ein Stück Papier?“

Das Papier erhielten dann die Führer der DDR, die gleich nach dem Abflug Adenauers in Moskau eintrafen. Es spricht einiges dafür, daß die Sowjetunion die insgesamt 13 500 Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus Propagandagründen selbst dann freigegeben hätte, wenn Adenauer hart geblieben wäre. Vor dem Bundestag rechtfertigte sich Adenauer: „Auch der Politiker darf nicht sagen, bei großen Entscheidungen spielten Menschenschicksale keine Rolle. Das würde nicht richtig gehandelt sein.“

Aber galt das auch für seine Kriegsgefangenenpolitik in den fünf Jahren zuvor? Die Dokumente, die der Historiker Heinrich Meyer in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hat, sagen unzweideutig: Nein!

Obwohl Meyers Arbeit zu diesem harten Urteil berechtigt, kann sie erst der Beginn der historischen Aufarbeitung sein. Meyer stützt sich bislang lediglich auf Ergebnisse von Umwegforschungen, einzig aus gesicherten Quellen und gleichwertigen Belegen, denn skandalöserweise behandelt die Bundesregierung den Kernbestand der Akten zur Gefangenenpolitik bis heute als Staatsgeheimnis.

In aller Unbefangenheit fragte Meyer beim Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und beim Zentralarchiv des Deutschen Roten Kreuzes an, ob er die bisher noch nicht ausgewerteten, offenbar umfangreichen Akten einsehen könne (die übliche dreißigjährige Benutzungssperre ist längst abgelaufen). Doch nun geschah Merkwürdiges: Das Auswärtige Amt hielt ihn drei Jahre lang hin. Erst hieß es, die Akten müßten geheim bleiben und auch die Verschlußsachenliste sei unter Verschluß. Letzte Ausrede: Die Akten könnten nicht benutzt werden, weil sie erst zum Buchbinder müßten, und das könne noch bis 1994 dauern.

Anscheinend hält die Bundesregierung das Thema mit der großen wissenschaftlichen Dokumentation „Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg“ aus den sechziger/siebziger Jahren für erledigt. Die Dokumentation war von der Bundesregierung in Auftrag gegeben und erst nach langem Zögern – das Auswärtige Amt bangte um die Entspannungspolitik im Osten – für den öffentlichen Gebrauch freigegeben worden. Immerhin hatte Professor Kurt W. Böhme im Schlußband der Dokumentation einen geradezu sensationellen Satz versteckt, der erklärte, warum 10 000 Kriegsverurteilte bis 1955 auf ihre Befreiung warten mußten: „Die Tatsachen sind eindeutig: Die Politik stand der humanitas jahrelang im Wege, auf beiden Seiten.“ Böhme beließ es dann aber bei der sowjetischen Seite; Moskau hatte die Kriegsgefangenen als Faustpfand im Kalten Krieg eingesetzt.

Nur ein Dokumentationsband, derjenige über die Massenverurteilung deutscher Gefangener, durfte 1965 aus geheimgehaltenen Gründen nicht bearbeitet werden. Meyer, wie auch andere, entdeckte, daß der Band noch immer nicht vorliegt. Damals hatte die Zentrale Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amts die Unterlagen (vor allem Aussagen deutscher Heimkehrer) an sich gezogen; sie landeten schließlich beim Militärarchiv in Freiburg, doch das dort (noch) ansässige Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr hat dafür angeblich weder „Forschungskräfte“ noch „Kapazitäten“ frei.

Nicht nur das Auswärtige Amt, auch das Deutsche Rote Kreuz mauert. Obwohl das DRK seinerzeit selber Opfer der Gefangenenpolitik Adenauers war, wird es heute vom Auswärtigen Amt offensichtlich zum gleichgeschalteten Schweigen genötigt. Auf Anfragen des Doktoranden Meyer fand es immer nur Ausflüchte.

Aber dadurch fühlt sich Heinrich Meyer in seinem Forscherdrang erst recht motiviert. Er reagiert empfindlich auf jede Art von Manipulation der Zeitgeschichte und ihrer Dokumentation. Dolchstoßlegende, Kriegsunschuldlüge, die einseitige Geschichtsauslegung der Nationalsozialisten und der Kommunisten genügen ihm fürs Leben. Darum will er nicht hinnehmen, daß ein paar Bonner Beamte eine Art Geschichtszensur ausüben und eines der traurigsten Kapitel aus den fünfziger Jahren zu verfälschen drohen. •