Von Peter Gosztony

Die Schlacht in und um Stalingrad endete nicht nur für die Deutschen in einem Desaster. Sie war gleichzeitig eine Katastrophe für die mit Deutschland verbündeten Armeen, die in großer Zahl an der Sommer-Offensive 1942 teilgenommen hatten oder hatten teilnehmen müssen. Die Niederlage der deutschen 6. Armee an der Wolga überdeckte die militärische und menschliche Tragödie dieser „fremden Armeen unter deutschem Oberkommando“: Mehr als eine dreiviertel Million (!) Soldaten ereilte in den Wintermonaten 1942/43 das gleiche Los wie seinerzeit die Koalitionstruppen unter Napoleon Bonaparte, die im November/Dezember 1812 auf dem Rückweg von Moskau aufgerieben und vernichtet worden waren.

Das faschistische Italien Benito Mussolinis beteiligte sich 1942 am Feldzug mit einer Armee zu zehn Divisionen; Marschall Ion Antonescu schickte zwei rumänische Armeen ins Feld; der ungarische Reichsverweser Miklós von Horthy als Oberster Kriegsherr der Königlichen Honvéd-Armee entsandte eine Feldarmee. Die beiden rumänischen Armeen gingen im November und Dezember 1942 zwischen Don und Wolga unter. Ihre Reste sammelte Antonescu im Januar 1943 zusammen. Der größte Teil der italienischen 8. Armee wurde zwischen dem 16. und 20. Dezember 1942 am mittleren Don von der Roten Armee vernichtet. Zu Beginn des Jahres 1943 verblieb nur noch die ungarische Armee am Don unversehrt. Zwischen Woronesch und Pawlowsk (heute: Togliatti), auf einer Frontbreite von etwa 210 Kilometern, stand sie bereits auf verlorenem Posten, denn die Rote Armee, die von Adolf Hitler schon mehrmals als „tot“ bezeichnet worden war, bereitete eine neue Offensive gegen die Honvéd-Armee vor, um damit der gesamten deutschen Heeresgruppe B den Todesstoß zu geben.

Wie kamen 180 000 ungarische Soldaten dazu, sich 2000 Kilometer von den Karpaten entfernt für deutsche Belange zu schlagen? Ihr Schicksal wurde in der deutschen Nachkriegsliteratur stiefmütterlich behandelt und in Ungarn selber aus politischen Gründen nach 1945 verschwiegen. Erst seit kurzem darf man dort über die Aufstellung, Entsendung und den Niedergang dieser „vergessenen Armee“ forschen und schreiben.

Deutschland hatte zunächst 23 Honvéd-Divisionen angefordert: zwei Drittel der mobilisierbaren Wehrmacht Ungarns. Nach langem Feilschen – Generaloberst Szombathelyi, Chef des Stabes der Honvéd-Armee, sprach von „Kuhhandel“ – einigte man sich auf die Entsendung von zehn Frontdivisionen und fünf Besatzungsdivisionen. Den Ausschlag, den deutschen Forderungen doch noch nachzugeben, gab die „Siebenbürgen-Frage“. Dieser Landesteil, etwa 100 000 Quadratkilometer, gehörte bis 1918 zum Ungarischen Königreich. Rumänien erhielt es von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges als „Belohnung“, weil es 1916 auf seiten der Alliierten in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten war.

Im August 1940 hatten Hitler und Mussolini in Wien einen Schiedsspruch gefällt. Danach wurde Siebenbürgen geteilt: Der Nordteil kam zu Ungarn, der Süden verblieb bei Rumänien. Keine Partei war mit dieser Lösung zufrieden. Die Regierungen sowohl in Budapest als auch in Bukarest versuchten, während der Rußlandfeldzüge Hitlers Gunst zu gewinnen, um nach dem Krieg in Siebenbürgen neue Besitzverhältnisse zu schaffen. Sie konnten deshalb Hitlers militärische Forderungen nicht ablehnen und versuchten lediglich, die Zahl der Truppen möglichst niedrig zu halten.

Zwischen dem Großdeutschen Reich und dem Ungarischen Königreich bestand kein Bündnis: Sie waren lediglich „Waffengefährten“ und Kriegspartner. Die Regierung in Budapest nahm einfach zur Kenntnis, daß eine Feldarmee mit der Bezeichnung „2“ an die Ostfront geschickt und dort unter ungarischem Armeekommando geschlossen der deutschen Heeresgruppe Süd (später B) unterstellt wurde. Politisch begründete man diesen Schritt mit der vermeintlichen Notwendigkeit, gegen den Bolschewismus zu kämpfen.

Die ungarische 2. Armee, zu deren Oberbefehlshaber der 59jährige Generaloberst Gusztäv Jäny ernannt wurde, bestand schließlich aus 180 000 Mann und gliederte sich in neun „leichte“ Infanteriedivisionen und eine Panzerdivision mit zumeist veralteten Panzern. Ihre drei Armeekorps wurden aus verschiedenen Wehrkreisen Ungarns zusammengestellt, um die Lasten des Krieges möglichst gleichmäßig auf das ganze Land zu verteilen. Dies betraf auch die verschiedenen Nationalitäten in Ungarn: Das Königreich mit seinen beinahe 14,5 Millionen Einwohnern hatte 1942 in seinen Grenzen eine große Anzahl Serben, Slowaken und Rumänen. Unter den nach Rußland geschickten 180 000 Honvéds waren etwa 15 000 „Ungarn“ rumänischer Nationalität, was keineswegs den Wehrwillen der Honvéd-Armee in der Ferne förderte.

Mitte Juli hatte die Honvéd-Armee den Don erreicht, wo sie nun entlang des Westufers Verteidigungsstellungen ausbaute, die ihr die nach Süden vorstoßenden Deutschen überlassen hatten. General Jäny mußte jedoch feststellen, daß sich an geeigneten Flußbiegungen sowjetische Truppen festgesetzt und dort Brückenköpfe, zwischen dreißig und hundert Quadratkilometern groß, gebildet hatten. Diese Brückenköpfe – bei Uryw und Schtschutschje – hatten schwerwiegende Folgen für die 2. Armee. Weder Ende Juli noch im August gelang es den Ungarn – auch nicht mit deutscher Unterstützung –, diese Widerstandsnester zu beseitigen. Nur die eigenen Verluste wuchsen! So hatten zum Beispiel im September 1942 beim dritten Angriff auf Uryw die deutsch-ungarischen Truppen bei einem geringen Gebietsgewinn 1454 Tote und über 6375 Verwundete zu beklagen! Vom Herbst bis Anfang Januar herrschte Ruhe an der Armeefront.

Die Stille war mehr als trügerisch. Mangels Kräften war die ausgedehnte Frontlinie nicht ausreichend gesichert. Obwohl eine ungarische „leichte“ Division lediglich über zwei Infanterieregimenter verfügte, mußte eine Division für einen 21 Kilometer langen Frontabschnitt die Verantwortung übernehmen. Reserven konnte man nicht aufstellen, und fast alle schweren Infanteriewaffen mußten in der Hauptkampflinie eingesetzt werden. Die paar deutschen Divisionen, die man anfänglich als sogenannte Korsettstangen (ein Ausdruck Hitlers) zwischen die ungarischen Divisionen eingeschoben hatte, wurden seit Ende November nacheinander abgezogen, da sie nach den russischen Durchbrüchen bei Stalingrad dringend woanders benötigt wurden.

An Waffen, insbesondere an Panzerabwehrgeschützen (Pak), fehlte es ebenfalls, und die Munitionslage war auch nicht gerade rosig. Sorge bereitete dem Oberkommando der 2. Armee auch die Ernährung der Truppe. Was sollten die Ungarn mit deutscher Marmelade anfangen, wenn sie an Speck gewöhnt waren? Generalmajor Hermann von Witzleben, seit dem 30. September 1942 als „Deutscher General beim ungarischen Armeeoberkommando 2“, schrieb später: „Es wurde uns unzweideutig zum Ausdruck gebracht, daß der ungarische Soldat bei einem derart miserablen Brot, das die deutschen ortsfesten Feldbäckereien lieferten, und bei einer derart fettlosen Ernährung auch im Hinblick auf den bevorstehenden Winter nicht das leisten werde, was man etwa von ihm erwarte.“

Die Beziehungen zwischen den ungarischen Stäben und dem deutschen Verbindungsstab waren infolgedessen im Herbst 1942 ziemlich gespannt. Die Honvéd-Stabsoffiziere betrachteten ihre deutschen Kameraden als „Aufpasser“ und bezeichneten sie – freilich hinter deren Rücken – als „Politruks“. Im Dezember, als wiederum eine deutsche Division abgezogen wurde, erklärte Generaloberst Jäny vor General von Witzleben, er sei nicht gewillt, sich diese Behandlung weiter gefallen zu lassen. Er wisse nun, wie es um seine Armee stehe: Sie sei bereits rettungslos „verkauft“; er überlege ernstlich, ob er als verantwortungsvoller Soldat nicht seine Divisionen von der Front abziehen und in Richtung Heimat abmarschieren lassen solle.

Nur mit Mühe und mit neuen Versprechungen gelang es Witzleben, Jäny zu besänftigen. Freilich, die versprochene Waffenhilfe (250 Paks und 180 Geschütze vom Kaliber 8,8) traf nie ein. Beim Oberkommando der Heeresgruppe B machte man sich auch nichts vor: Die ungarische Armee sei im Grunde genommen ein unzuverlässiger Bundesgenosse, meinte General von Sodenstern, da sie materiell eine ernstliche Auseinandersetzung mit der Roten Armee kaum bestehen könne, zumal der Don im Winter für die Rote Armee kein Hindernis mehr war.

Alles, was Generaloberst Jäny bis Neujahr zu erreichen vermochte, war die Aufstellung einer deutschen. Eingreifreserve für den Ernstfall. Das sogenannte Panzerkorps Cramer z.b.V. umfaßte nicht ganz zwei deutsche Infanteriedivisionen, eine Panzergruppe, eine Sturmgeschützabteilung und die ungarische 1. Panzerdivision. Jäny gab seine Panzerdivision, die einzige Reserve seiner Armee, in der Annahme ab, er werde jetzt statt einer Division ein ganzes Korps als Reserve erhalten.

Als jedoch am 12. Januar 1943 die sowjetische Großoffensive gegen die Ungarn begann und er das Panzerkorps brauchte, wurde es ihm verweigert. General von Sodenstern gab ihm zu verstehen, über den Einsatz dieser Reserve bestimme einzig und allein Hitler, der von Ostpreußen aus die Lage beobachte. Was damals nicht bekannt war: Das Panzerkorps Cramer z.b.V. hinter dem ungarischen Frontabschnitt war auf der Rieserfront von Woronesch bis zum Kaukasus die einzige Reserve des deutschen Generalstabs – so schlecht stand es um den Südabschnitt der deutschen Ostfront im Januar 1943.

In Kälte und Schnee erwarteten viele Honvécs am Don sehnsüchtig die Ablösung, die zum Teil bereits unterwegs zur Hauptkampflinie war – jedoch ohne Waffen. Diese sollten sie von den abzulösenden Truppen übernehmen. Das Oberkommando der ungarischen Armee tröstete sich mit dem Gedanken, wegen der Kämpfe bei Stalingrad werde die Rote Armee kaum eine neue Offensive beginnen. Am 4. Januar jedoch brachte die Fliegeraufklärung eine alarmierende Nachricht: Im Brückenkopf Uryw versammelten sich mehrere sowjetische Divisionen. Am nächsten Tag wurde ein merkwürdiger sowjetischer Funkspruch aufgefangen: „Das Konzert wird bald beginnen.“

Am 12. Januar begann das „Konzert“. An diesem Morgen stürmte eine sowjetische Division aus dem Brückenkopf von Uryw und riß die Front des ungarischen IV. Armeekorps an mehreren Stellen auf. Die Honvéds blieben noch 24 Stunden standhaft, ehe sie wichen. Am 14. Januar traten die sowjetischen Truppen auch aus dem Brückenkopf Schtschutschje zum Angriff an und brachten das gesamte ungarische VII. Armeekorps in arge Bedrängnis. Schließlich dehnten die Sowjets ihren Großangriff – geführt von 22 Divisionen oder Brigaden – auf das am linken Flügel stehende ungarische III. Armeekorps aus.

Schon drei Tage nach dem Beginn der Offensive waren Teile der Honvéd-Armee auf dem Rückzug. Nur einzelne Verbände harrten am Don aus. Doch die sowjetische Übermacht, der Mangel an Panzerabwehrwaffen und nicht zuletzt die Kälte von minus dreißig Grad Celsius machten jeden Versuch, den Großangriff einzudämmen, zunichte. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generaloberst von Weichs, bat nun Hitler um die Erlaubnis, die Front der Ungarn auf die Linie des Aidar-Flusses zurückzunehmen. Das war um so notwendiger, als die Russen auch bei dem benachbarten italienischen Alpini-Armeekorps angriffen. Der „Führer“ wollte jedoch nichts davon hören.

Am 15. Januar näherten sich die Kämpfe Alexejewka, dem Sitz des ungarischen Armeeoberkommandos. Sowjetische Panzer mit aufgesessener Infanterie stießen von Süden her gegen die Stadt vor. Hier drohten sich die feindlichen Angriffszangen zu schließen, so daß Teile der ungarischen und der italienischen Armee eingekesselt worden wären. Weichs schickte General von Witzleben zu Jäny, um ihn zu bewegen, im Interesse seiner Honvéds den Rückzug auf eigene Verantwortung anzuordnen. Natürlich war dieser Rat inoffiziell, denn er widersprach Hitlers Anweisungen. Jäny jedoch wollte den Wink nicht verstehen. Durch und durch Soldat, verlangte er vom Oberkommando der Heeresgruppe B eine klare Anweisung, die Witzleben ihm nicht geben konnte.

Zwei Tage später mochte das Oberkommando der Heeresgruppe B dem Todestanz der ihr unterstellten verbündeten Armeen nicht mehr zusehen. Generaloberst Jäny wurde ermächtigt, „nach der Lage zu handeln“. Aber er blieb noch immer skeptisch: Es verstrichen kostbare Stunden, bis er die Möglichkeit wahrnahm, seine Armee, das heißt ihre Reste zu retten. Von einem geordneten Rückzug der Truppen konnte schon nicht mehr die Rede sein.

In Alexejewka wurde bereits gekämpft, und im benachbarten Ilowskoje, auf einem Fliegerhorst der ungarischen Luftwaffe, versuchte das Bodenpersonal fünf Tage lang, allein mit Infanteriewaffen seine Stellungen zu halten. Aber nur einen Teil der Flugzeuge konnte man retten.

Am 18. Januar zog sich die ungarische 1. Panzerdivision nach Alexejewka zurück, nachdem alle Mühen des Panzerkorps z.b.V. – das Hitler schließlich doch noch freigegeben hatte –, den Gegner aufzuhalten, fehlgeschlagen waren. Die Division mußte nun die Stadt halten, denn sie war das „Tor“ zur Rettung der beiden ungarischen Armeekorps.

Viele Tage dauerte der Rückzug, den die Soldaten, am Ende nur mit leichten Infanteriewaffen ausgerüstet, halb kämpfend, halb flüchtend zurücklegen mußten. Ihr Ziel war das Oskol-Tal, 250 Kilometer vom Don entfernt. Am 22. Januar schickte Generalmajor Gyula Kovács den ersten zusammenfassenden Situationsbericht nach Budapest. Der Stabschef der ungarischen 2. Armee meldete unter anderem: „... Kampfmoral der Armee ziemlich angeschlagen ... Materialmäßig sind wir fertig. Insgesamt sechs Geschütze wurden gerettet. Alles andere ist... liegengeblieben... Das Gros der Flak wie auch das der anderen Ausrüstungen sind verloren. Zahlreiche Verwundete konnten jedoch gerettet werden... Die gesamte Armee kommt zurück. Im Oskol-Tal haben sich bisher 17 000 Mann versammelt, die noch Gewehre besitzen. Ich kann nicht von Bataillonen sprechen, weil solche nicht mehr existieren. Wir können nur noch von einem großen Misthaufen sprechen!“

Lediglich ein paar kleinere und größere Kampfgruppen, die zusammen mit deutschen Verbänden einige Stützpunkte an der vordersten Front hielten, blieben bis zum 15. Februar noch in Feindberührung. Das abgeschnittene III. Armeekorps hielt bis zum 26. Januar seine Stellungen am Fluß und sicherte die Südflanke der deutschen Korpsgruppe Siebert. Dank dieser Unterstützung durch ihren Verbündeten konnten die Deutschen die Stadt Woronesch planmäßig evakuieren und den Rückzug antreten.

Jetzt versuchte auch das ungarische III. Armeekorps, sich nach Westen durchzuschlagen. Es ging nicht. Der Kommandeur, Generalmajor Graf Stomm, löste am 1. Februar 1943 die Reste seines Armeekorps auf. In einer dramatischen Szene stellte er es Soldaten und Offizieren frei, „nach der Lage“ zu handeln. Er selber geriet in den nächsten Tagen mit seinem engeren Stab in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nur wenigen seiner Soldaten gelang es, den sowjetischen Ring zu durchbrechen und die deutschen Auffanglinien zu erreichen. Nach unvollständigen Angaben hat das Korps über siebzig Prozent seines ursprünglichen Bestandes an Truppen und Material verloren.

Die Gesamtverluste der ungarischen 2. Armee waren verheerend. Allein in der zwölftägigen Winterschlacht Januar 1943 hat sie 105 085 Mann an Toten, Verwundeten und Vermißten eingebüßt. 110 000 Gewehre, 460 Panzerabwehrgeschütze, fast 70 von 90 Flugzeugen der zugeordneten Fliegerbrigade und der gesamte Bestand an 113 Panzern, um nur die wichtigsten Daten zu nennen, blieben auf dem Schlachtfeld zurück.

Die Last der Niederlage hatte Generaloberst Jäny zu tragen. Er wälzte sie jedoch auf seine Truppen ab. In einem Tagesbefehl vom 24. Januar 1943, der wegen Form und Inhalt sofort berechtigte Kritik hervorrief, beschuldigte Jäny seine Armee der Feigheit, sie habe – wörtlich! – ihre Ehre auf dem Schlachtfeld vollends verloren. „Mit härtester Hand, wenn nötig auch durch Erschießung an Ort und Stelle, müssen die Ordnung und eine eiserne Disziplin wiederhergestellt werden, wobei es keine Ausnahme gibt, ob Offizier oder einfacher Soldat der Schuldige ist!“ donnerte der Generaloberst. Die deutschen Truppen verdienten Bewunderung: „Wir verdienen sie nicht...“

Im Spiegel neuerer Fakten aus dem Frontbereich dämmerte es Jäny im Februar und März 1943, daß es ein Unrecht war, die Schuld am jähen Zusammenbruch der 2. Armee auf die Honvéds abzuwälzen. In einem neuen Tagesbefehl korrigierte er sich am 4. April 1943 radikal und ließ seine vorangegangene Order für ungültig erklären.

Doch die ungarische Armee wurde nicht noch einmal an vorderster Front eingesetzt. Reichsverweser von Horthy war dagegen, und auch Hitler hielt es für besser, die „Bundesgenossen“ nicht herauszufordern und auf verbündete Truppen vorerst zu verzichten. So kehrten die Reste der glücklosen ungarischen 2. Armee – insgesamt etwa 60 000 Mann – in den folgenden Monaten in die Heimat zurück, oder sie wurden als Besatzungsdivisionen in die Ukraine zur Partisanenbekämpfung verlegt.

Alle kriegsgerichtlichen Verfahren, die Generaloberst Jäny noch Ende Januar/Anfang Februar 1943 angeordnet hatte, wurden „von höheren Stellen“ eingestellt. Lediglich gegen den Oberbefehlshaber der 2. Armee selber beabsichtigte man in Budapest eine Untersuchung einzuleiten. Als aber Hitler – eigentlich gegen seinen ursprünglichen Willen – Jäny am 31. März 1943 mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes auszeichnete, verzichtete man in Budapest aus politischen Gründen auf eine Untersuchung. Der Generaloberst kehrte am l. Mai 1943 mit dem letzten Truppentransport seiner Armee aus Rußland zurück. Er wurde in der Heimat zwar feierlich empfangen, ein neues Kommando bekam er aber nicht mehr. Noch im selben Jahr trat er – seelisch gebrochen – „auf eigenen Wunsch“ in den Ruhestand.

Über das Schicksal der 2. Armee in Rußland wurde in Ungarn kaum etwas berichtet. Anders als nach dem Desaster in Stalingrad, auf das hin Hitler im ganzen Reich Staatstrauer anordnete, überging man die ungarische Militärtragödie am Don stillschweigend.

Und nach dem Krieg, jetzt aus anderen Gründen, wurde die 2. Armee wieder totgeschwiegen. Sie hatte doch gegen die Rote Armee gekämpft! Als dann 1946/47 die von den Kommunisten angestrebten Kriegsverbrecherprozesse gegen ungarische Offiziere oder Frontkämpfer begannen, kehrte Generaloberst Jäny, der schon 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war und sein Brot als Flickschuster in Bayern fristete, freiwillig nach Budapest zurück. Man hatte ihn vor einem Gerichtsverfahren gewarnt. Der General a.D. erklärte jedoch, nicht seine Offiziere trügen die Schuld am Untergang seiner Armee, sondern, wenn überhaupt, er allein sei dafür verantwortlich. In einem öffentlichen Kriegsverbrecherprozeß verurteilte man ihn im September 1947 zum Tode; er wurde am 26. November 1947 durch Erschießen hingerichtet. Seine letzten Soldaten kehrten 1955 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurück.

Die Vernichtung der ungarischen 2. Armee am Don im Januar 1943 wird in Ungarn noch heute als die größte militärische Niederlage des Heeres seit den Türkenkriegen bewertet.

Peter Gosztony leitet die Stiftung Schweizerische Osteuropa-Bibliothek und ist Oberstleutnant d.R. der ungarischen Armee.