Eine Sensation", befand der Philosoph Reiner Wimmer, als Mitte der achtziger Jahre Ludwig Wittgensteins "Geheime Tagebücher" erschienen. Von der Existenz dieser Aufzeichnungen des Kriegsfreiwilligen Wittgenstein aus den Jahren 1914 bis 1916 hatte die philosophische Gemeinde zuvor mehr geahnt als gewußt. Die verschlüsselten Notizen stammen aus der Entstehungszeit des "Tractatus logico-philosophicus" und stehen in ein und denselben Kladden den unverschlüsselten Eintragungen gegenüber, aus denen das Hauptwerk des Philosophen hervorgegangen ist. Zugänglich waren – im ersten Band der "Schriften" (1960) – bis zu diesem Zeitpunkt lediglich die uncodierten Teile. Nur wenigen Auserwählten war es, mit der selten erteilten Genehmigung der Nachlaßverwalter, vorbehalten gewesen, Einblick in die chiffrierten Texte zu nehmen oder daraus zu zitieren. Vollständig ediert, offenbaren die geheimen Seiten, daß der Soldat Wittgenstein unter sexuellen Nöten gelitten hat, von Selbstmordgedanken heimgesucht worden ist und für einen Positivisten seltsam fromm gewesen sein muß.

Sensationell? Nur wenn man annimmt, daß Wittgensteins Selbstbetrachtungen der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, weil sie das gängige Bild des Meisters ankratzen konnten. Die "Geheimen Tagebücher" sind nicht auf den eingespielten Bahnen der Wittgenstein-Edition ans Licht gekommen, weder in der ersten Ausgabe (Barcelona 1985) noch in der zweiten (Wien 1991; vergleiche dazu Eckhard Nordhofens Rezension in der ZEIT vom 19. September 1991). Der Herausgeber hatte sie nur an zwei Orten einsehen können: in Cambridge oder in Tübingen.

Im Panzerschrank des Trinity Colleges von Cambridge ruht der Original-Nachlaß: 30 000 Manuskripte und Typoskripte, Notiz- und Diktatblätter, Zettel und Zettelchen, Schreibheft- und Tagebuchseiten; darunter auch jene drei Kladden mit Kriegsaufzeichnungen, die der von Wittgenstein selbst angeordneten Vernichtung seiner frühen Notizen entgingen.

1967 wurde für die amerikanische Cornell-Universität ein Mikrofilm des Nachlasses angefertigt. Jede Hochschule kann ihn kaufen. Allerdings: Die intimen, in Code verfaßten Partien wurden bei der Reproduktion abgedeckt. Außerdem ist der Film inzwischen in einem so schlechten Zustand, daß er für exakte philologische Arbeit nicht mehr taugt. Seit Mitte der siebziger Jahre existiert in Tübingen ein zweiter Mikrofilm. Er ist lesbarer als die Cornell-Variante und überdies vollständig. Jedoch liegt er nun schon über zehn Jahre auf Eis und ist damit für die internationale Wittgenstein-Forschung so unerreichbar wie die Originale von Cambridge.

Für Cambridge und Tübingen galt gleichermaßen, daß allein die drei von Wittgenstein eingesetzten Nachlaßverwalter das Sesam-öffne-Dich aussprechen konnten, und zwar nur unisono. Zwei Schülern und einem langjährigen Freund hatte Wittgenstein 1951 die Verfügungsgewalt über seine Hinterlassenschaft gegeben: Elizabeth Anscombe, Rush Rhees und Georg Henrik von Wright. Besonders Frau Anscombe und dem inzwischen verstorbenen Rhees wird nachgesagt, sie hätten den Schatz des Philosophen vierzig Jahre lang eifersüchtig und augurenhaft gehütet und die Herausgabe seiner Werke nach eigenem Gutdünken zu steuern versucht. Vor anderthalb Jahren urteilte der finnische Philosoph Jaakko Hintikka in der Literaturbeilage der Londoner Times: "Der Hauptgrund für das Scheitern der großen Editionsprojekte waren die Ansichten und Entscheidungen der Nachlaßverwalter."

Wittgenstein am Münzkopierer

Der Herausgeber der "Geheimen Tagebücher", der heute in Klagenfurt lebende Lehrer, Historiker und Philosophiedozent Wilhelm Baum, will die Wittgenstein-Aufzeichnungen mit der Erlaubnis der Nachlaßverwalter in Tübingen eingesehen haben. Unter abenteuerlichen Bedingungen, wie er in seinem editorischen Nachwort mitteilt: Ausgestattet mit dem dreifachen Entreebillett der Bewacher des Erbes, habe er sich Anfang der achtziger auf den Weg zu dem in Tübingen gegründeten Wittgenstein-Archiv gemacht und um Einblick in die Kopien der Tagebücher gebeten. "Ja, welche Tagebücher?" hieß es. "Die normalen oder die geheimen?" Von geheimen wußte Baum nichts, doch er reagierte geistesgegenwärtig: "Natürlich beide!" Er nahm das gewünschte Material in Empfang und trug es zum Münzkopierer.