Eine merkwürdige Gruppe von Menschen versammelte sich vergangenen Sonntagmorgen auf dem alten katholischen Friedhof in Dresden: Zwar legten sie an einem der Gräber ein Kranzgebinde nieder, aber ansonsten machten sie nicht gerade den Eindruck einer Trauergemeinde – im Gegenteil: Wie sie da so lebhaft miteinander plauderten und fröhlich Reden schwangen, gaben sie das Bild einer geselligen Runde ab, die allen Grund zum Feiern hatte.

Was Wunder! Die Kollegen Zauberer – um solche handelte es sich, überwiegend Mitglieder des Magischen Zirkels von Deutschland e. V., Ortsgruppe Dresden – waren zusammengekommen, um einen der ganz großen Meister der Zunft zu ehren: den Italiener Bartholomeo Bosco, dessen Geburtstag sich zum 200. Mal jährt.

Bosco, am 3. Januar 1793 als Abkömmling einer Adelsfamilie in Turin geboren, starb am 7. März 1863 in Gruna/Dresden. Wiederentdeckt worden ist sein Grab von niemand Geringerem als Harry Houdini, dem amerikanischen Zauberer und wohl erstaunlichsten Entfesselungsartisten aller Zeiten. Was Houdini 1903 noch vorfand, war ein völlig verwitterter Grabstein, auf dem Boscos Insignien – der Zauberstab sowie Becher und Bälle seines Paradekunststückes – gerade noch erkennbar und sein Name halbwegs leserlich waren.

Um so deutlicher ist Boscos Ruf, die Aura des Wunderbaren, die ihn zeitlebens umgab, im Bewußtsein aller Zauberliebhaber erhalten geblieben. In welchem Alter sich Bosco für die Zauberei begeisterte, ist nicht mehr exakt festzustellen. Fest steht, daß er zunächst Arzt werden wollte und ein paar Semester Medizin studierte, bevor er sich, vom Ruhm Napoleons geblendet, als Sanitäter für dessen Rußlandfeldzug anwerben ließ.

Er war neunzehn, als er in Borodino verwundet und beim Rückzug seiner Truppe auf dem Schlachtfeld zurückgelassen wurde. Es wird erzählt, ein Kosake, der ihn für tot hielt, habe dem am Boden Liegenden die Taschen geplündert, ohne zu bemerken, daß dieser ihm im geschickten Gegenzug den prallgefüllten Geldbeutel wegstiebitzte. Man mag das als Anekdote abtun, doch sagen Anekdoten gewiß mehr über einen Menschen aus als jeder noch so beglaubigte amtliche Bericht. Verbürgt ist, daß Bosco gezaubert hat, wo immer er ging und stand, in allen Lebenslagen: beim Spaziergang, im Lokal, beim Einkaufsbummel, in der Postkutsche – ein Ausbund im Ablenkenkönnen, ein Tausendsassa an Tricks.

Doch Tricks allein machen noch keinen Zauberkünstler, dazu gehört mehr: Persönlichkeit, Gespür für Menschen, poetischer Wortwitz wie gestalterisches Genie, ein Sack voll Stegreiftalent und ein Funken Selbstironie – kurz: Geistesgegenwart, nicht billige Schlagfertigkeit. Bosco hat all dies in seinem liebenswürdigen Wesen vereinigt – wie sonst hätte er zu einem der berühmtesten Künstler seiner Zeit und zum Wegbereiter der modernen Zauberkunst überhaupt werden können!

Als „Berufler“, wie man in Zaubererkreisen sagt, als Vollprofi also, kreuz und quer durch Europa reisend, spielte er vor kleinen Leuten wie vor gekrönten Häuptern, überall mit riesigem Beifall aufgenommen und mit Ehrungen überhäuft. Sogar Tänze und Mode wurden nach ihm benannt.