er Austritt des Schriftstellers Günter Grass aus der SPD, die er wegen ihrer Asylpolitik verläßt, ist bemerkenswert, weil Grass damit unabsichtlich das Ende einer Epoche bestätigt. Die lange Zeit gewohnte Personalunion des Schriftstellers und des politisch engagierten Intellektuellen ist zerbrochen. Sie entsprang der Vorstellung, der Schriftsteller sei ein Seismograph des gesellschaftlichen Gefüges. Früher als andere spüre er kommendes Unheil. Deshalb sei er verpflichtet, öffentlich an der Schadensvorsorge mitzuwirken. Da das Unheil, aller deutschen Erfahrung nach, von rechts kam, gab der engagierte Autor links sein Bestes, öffentlich redend und handelnd, bei Demonstrationen (etwa gegen die Notstandsgesetze), bei Blockaden (zum Beispiel gegen die Stationierung von Raketen), bei Friedensmärschen und auch, wie besonders Grass, in Wahlkämpfen für die SPD.

Kassandra aber ist arbeitslos geworden. Die Nachfrage nach Unheilsbotschaften sinkt seit geraumer Zeit, und die Resistenz gegen prophetische Warnungen ist gestiegen. Zugleich hat sich in der kassandrischen Branche ein ganzer Berufsstand fest etabliert, mit Rentenanspruch und Weihnachtsgratifikation. Der Journalismus in all seinen Ausprägungen, ob als Nachrichtensendung, Reportage oder Fakten-Recherche, hat sich dem Rufer in der Wüste beigesellt und übertönt seinen Klagegesang durch die Kakophonie der Medien. Wissenschaftliche oder weltanschauliche Vereinigungen, vom ökologischen Institut bis zur evangelischen Akademie und zum parteinahen Weltkatastrophen-Kolleg, liefern computergestützte Daten und ideologisch aufbereitete Deutungen, was zur Folge hat, daß kein Acker des Unheils, ob Ozonloch oder Flüchtlingselend, unbestellt bleibt.

Was ist der sonore Baß eines Schriftstellerstars gegen die Professionalität eines perfekt (mit Ausnahme der Feuerlöscher) ausgerüsteten Fernsehteams, das mit den Asylanten von Rostock im Feuersturm ausharrt, um die besten Bilder zu kriegen? Bevor der Gesamtintellektuelle der Nation vor dem neuen Antisemitismus warnt, hat längst der Spiegel eine Titelgeschichte dazu, lädt RTLplus die Brandstifter ins Studio und erscheint in der ZEIT die Moral von der Geschichte.

Heute haben wir es, um einen Begriff von Jürgen Habermas zu verwenden, der neben Grass zu den Überbliebenen aus der Ära des intellektuellen Heroismus zählt, mit einem anderen „Strukfürwendet der Öffentlichkeit“ zu tun. Er nivelliert die moralische Autorität durch die permanente Parade des Meinens und Dafürhaltens. Der Schriftsteller, ehemals Universalagent des wahren gesellschaftlichen Interesses, darf sich nun konzentrieren auf sein Eigentliches, auf die Literatur. Ist das schade? Ach, was haben wir nur für einen kleingläubigen Begriff von Literatur! Kann sie nicht mehr als alle Leitartikel zusammen? Vom Schriftsteller, der einer ist, dürfen wir das Gegenprogramm zum weißen Rauschen der Informationsgesellschaft erwarten. Wenn er sich endlich von der gesinnungsästhetischen Pflicht entbunden fühlte, dann könnte er wieder agieren als der Freibeuter des Meinungsmeeres und ebenso rätselhafte wie überraschende Angriffe auf den Status quo des tausendfach Gesagten üben. Und wenn er sich dann ganz plötzlich und verrückt wieder in die Politik einmischt, soll er uns lieb sein.

Bei Lewis Carroll stellt die Schachkönigin das Mädchen Alice als Zofe an und verspricht ihr „zwei Groschen die Woche und anderntags Marmelade – also gestern Marmelade und morgen Marmelade, aber niemals heute Marmelade“. Alice findet das schrecklich verwirrend. „Das kommt davon“, sagt die Königin, „wenn man rückwärts in der Zeit lebt. Anfangs wird man davon leicht ein wenig schwindlig, aber einen Vorteil hat es doch, nämlich daß das Gedächtnis nach vorne und rückwärts reicht.“ Alice entgegnet: „Ich kann mich nie an etwas erinnern, bevor es geschieht.“ – „Eine dürftige Art von Gedächtnis“, sagt die Königin. Sie ist die wahre Schriftstellerin: Anderntags Marmelade und heute Literatur.

Ulrich Greiner