Von Thea Herold

Adlers Kunst ist konkret. Sie beginnt jenseits der Farben, jenseits der Gefühlsduselei, jenseits der Symmetrie. Kein Nerv verläßt den Raum. Strenge Lineaturen beherrschen die Formate, geometrische Figuren und mächtiger Eigensinn.

Ohne diesen wäre es nicht zu schaffen gewesen. Man muß die biographischen Daten bemühen, um das Paradoxe seiner Situation zu begreifen. Über Jahrzehnte machte Karl-Heinz Adler eine Kunst, die es zu DDR-Zeiten nicht gab. Nun, zum 65. Geburtstag, würdigen ihn die Brandenburgischen Kunstsammlungen mit einer ersten umfangreichen Museumsausstellung. Umfassend ist auch sie nicht. Tafeln, Objekte und Blätter – frühe und späte Arbeiten. Wie kontinuierlich, fast selbstvergessen der in Dresden lebende Künstler geschaffen hat, kann der Rundgang nicht beweisen. Danach müßte man zwischen den Linien suchen wie nach einer verlorengegangenen Geschichte.

Er selbst erinnert sich natürlich an alles. An die Jahre an der Technischen Universität, an die Einladung 1957 ins südfranzösische Vallauris, an den Besuch bei Picasso, was dem damals Dreißigjährigen ganz aus heiterem Himmel widerfuhr. Adler weiß noch, wie abgestempelt, wie geduldet es sich lebte, ignoriert von den Kunstinstituten wie von Kollegen. Außerdem wurde er lange Zeit auch bezahlt nach einem Stundenlohn wie ein Handwerker, nicht nach dem in der DDR üblichen Honorarsatz für bildende Künstler. Die von ihm mitbegründete "Kunst im Bau" war eine Produktionsgenossenschaft. Jahrzehntelang ein Leben von der Hand in den Mund. Achtzehnmal zog er um. Was dabei liegenblieb, blieb liegen. Ein (Euvre, auf Dresdener Dachböden verteilt. Lange nachdem er fünfzig war, bezog Adler sein erstes eigenes Atelier. Seither entstehen die großflächigen "Seriellen Lineaturen". Zuvor entwickelten sich andere Werkgruppen: gefächerte Schichtungen gleicher geometrischer Elemente, konstruktivistische Collagen sich durchdringender Rechtecke und Quadrate, transparente Folienschichtungen – Beispiele davon sind nun in der Ausstellung in Cottbus zu sehen.

Die großen Tafelserien besitzen fast magische Anziehungskraft. Streifig spannt es die schwarzen Linien über die weißgefärbte Hartfaserplatte. Sie wirbeln zueinander und stürzen voneinander fort. Schwingen über die Kanten, da hilft keine Logik beim Sehen. Nur eine Nuance vorbei an der Perfektion zieht die Hand des Künstlers die Linienspuren, kühn und tastend zugleich. Bei der dreiteiligen Arbeit "Schweben" wird die Balance zwischen Halt und Verlust der Kräfte deutlich. Nichts wurde hier dem Zufall überlassen, die zipfligen Umrisse scheinen optische Täuschung, denn ein klares Rechteck, kalkuliert zerteilt, fügt sich seltsam neu geordnet wieder zusammen. Die Linien finden einen selbstvergessenen Rhythmus. Wenn sie sich im Unendlichen träfen, bliebe nichts von ihrem gebündelten Fluß der Energie, der mit äußeren Dingen überhaupt nicht zusammenhängt. So aber bleibt die Distanz. Jedes Einzelstück schwebt, auf den Zentimeter genau berechnet, neben den anderen beiden. In ewiger Unrast und doch mit sich selbst im reinen.

Seltsame, zweifelnde Frage zuletzt: Kann jemand zu solcher Tiefe und Klarheit finden, hätte es weniger Abschottung und Ignoranz gegeben? Denn schließlich behielt der alte Lehrer Wilhelm Rudolph recht: "Alt mußt du werden und deine Widersacher überleben." So hatte er dem jungen Studenten am Brühl in Dresden damals gesagt. Und der Vogtländer Adler bewies so viel Geduld. Außerdem fand er schon im Ausland Unterstützung, als "hüben und drüben" in deutschen Landen noch jede Anerkennung fehlte. Während in der DDR ideologische Gründe für Verdrängung sorgten, waren es in der Bundesrepublik die Mühlen des Kunstmarktes. Nicht zuletzt fehlt auch heute noch jedes Wort über Adler im Buch von Gilden/Haarmann "Kunst in der DDR" (1990). Man schrieb’s aus westlicher Sicht und übersah in der Eile so manche Nische.

Wie auch immer: Konkret arbeitende Künstler sind Zeit dieses Jahrhunderts an streitbare Resonanz auf ihr Schaffen gewöhnt. Ob es Bauhaus, DeStijl, Suprematismus oder die Urwurzeln in der russischen Avantgarde betraf. Die Vorwürfe bleiben gleich, die Vorzüge auch. Konkrete Kunst verstand sich seit Beginn als etwas so Internationales, daß man sich nicht erst mit den metaphorischen Fußangeln nationaler Eigenheiten herumschlug. Mag das einer der Gründe sein, warum diese Kunst bis heute so anziehend ist. Fast gravitätisch schön. Lichtgeflutet und elegant, modern und magisch wie die Linien, die Schamanen vor Jahrtausenden beschwörend in die Felsen ritzten. (Brandenburgische Kunstsammlungen, Spremberger Str. 1, bis zum 24. Januar; Katalog 30,– DM)