Von Brigitte Spitz

Marlis Grönwald bekommt viel Besuch. Über tausend Gäste klingeln pro Jahr an der Tür, um ihr Wohnzimmer zu bestaunen. Ihre vier Wände sind berühmt. In Japan ist gerade ein Bildband über ihre Stube erschienen. Die Grönwalds leben in Weimar. Die Vermutung liegt nahe, daß auch in ihrem Heim einer der verblichenen Klassiker gewohnt, gearbeitet oder zumindest für eine Nacht logiert haben könnte. Weit gefehlt. Marlis Grönwald lebt mit ihren drei Söhnen im ersten Modellhaus der Bauhaus-Schule.

Nur wenige Schritte sind es von Goethes ehemaligem Zweitwohnsitz, dem schmucken Gartenhaus an der Ilm, bis zum „Haus am Horn“. Auf der Anhöhe über dem Park steht der schlichte Flachbau der Familie Grönwald. Das Gebäude mit der Nummer einundsechzig wirkt auffällig unauffällig mit seinen weißgetünchten Mauern. Ein Kastenbau, wie er in vielen Einfamilienhaussiedlungen der siebziger Jahre stehen könnte. Zweckmäßig und schmucklos. Frühe Kritiker schimpften es „weiße Bonbonschachtel“ oder „Nordpolstation“. Das war in den zwanziger Jahren. Denn das Modellhaus wurde als erstes Beispiel modernen Wohnens bereits 1923 für die erste „Leistungsschau des Staatlichen Bauhauses“ errichtet.

Der Bauhaus-Gründer und Direktor Walter Gropius hatte die Ausstellung vor siebzig Jahren auf Druck der Weimarer Bürger organisiert. Die Avantgardekünstler der 1919 in Weimar gegründeten Schule sollten Beweise ihrer Arbeit vorlegen, denn beliebt waren sie in der Kleinstadt an der Ilm nicht sonderlich. Mit der Drohung „Ich schick’ dich ins Bauhaus!“ brachten Weimarer Eltern Anfang der zwanziger Jahre ihre aufsässigen Kinder zur Räson. Die Künstlerkolonie galt als „lokale Residenz des Teufels“, erinnerte sich Nina Kandinsky in ihren Memoiren. Nicht nur die Spießer, auch Kunstkritiker hatten ihre Probleme mit der neuen Stilrichtung. „Drei Tage in Weimar, und man kann auf Lebenszeit kein Quadrat mehr sehen“, mäkelte ein Rezensent nach einer Bauhaus-Ausstellung.

1992 reist das Gros der Besucher Weimars nicht wegen der Bauhaus-Tradition nach Thüringen. Die meisten Touristen begeben sich auf Wallfahrt zu den Stätten der Dichterfürsten. Was sonst auch sollte man im „Beinhaus der Deutschen Klassik“, wie Weimar auch verspottet wurde? Auf diese Kardinalfrage gibt es seit knapp zwanzig Jahren eine Antwort. Und die hat eine Menge mit Marlis Grönwald zu tun. Noch zu DDR-Zeiten hat sie gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Bernd in einer Privatinitiative dafür gesorgt, daß das Musterhaus erhalten bleiben konnte und zudem nicht – wie viele Behausungen berühmter Köpfe in Weimar – in tiefen Museumsschlaf fallen mußte. Das erste von den Bauhäuslern entworfene Gebäude lebt – und in ihm seit 1971 die Grönwalds.

Als sie damals in die volkseigene „Ruine“ einzogen, wußten sie nur wenig über die Geschichte des Hauses, das einst die modernste Art, Architektur zu betreiben, verkörperte. Bis Anfang der siebziger Jahre hatte die Arbeiter- und Bauernrepublik offiziell das Bauhaus geschmäht. Die Programmatik der „formalistischen“ Schule galt ideologisch als bedenklich. Erst Anfang der siebziger Jahre schwand die Skepsis gegenüber den Künstlern wie Walter Gropius. Das Bauhaus wurde fortan als „bewahrenswertes progressives Kulturerbe“ herausgestellt, mußte mitunter auch zur Legitimierung der Betonplattenbauweise herhalten. Bernd Grönwald, damals Dekan für Architektur an der Weimarer Hochschule und später Vizepräsident der Bauakademie der DDR, engagierte sich mit seiner Frau früh für die Renaissance der Bauhaus-Tradition. Beide renovierten das Modellhaus in Weimar: Anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens öffneten sie das „Haus am Horn“ 1973 mit einer Ausstellung. „Das Bauhaus wollte kein Museum produzieren. Und deshalb leben wir mit so viel Idealismus hier“, betont Marlis Grönwald.

Damit Besucher sich auch vom Innenraum ein Bild machen können, sind die Grönwalds etwas enger zusammengerückt. Sie bewohnen nur die fünf kleinen Zimmer, die rund um das Herzstück des Hauses, den sechs mal sechs Meter großen Wohnraum, liegen. „Solange wir nicht große Touristengruppen durch das Haus schleusen müssen, geht das in Ordnung.“ Marlis Grönwald hat sich auch daran gewöhnt, die Möbel für die kleinen Schlafzellen selbst zu bauen: „Hier paßt nichts aus den Geschäften rein.“ Und ihre drei Söhne, die im Modellbau aufgewachsen sind, protestierten sogar, als ihre Mutter einen Umzug in Erwägung zog.