Von Otto Köhler

Einmal angenommen, die Vietnamesen und die ZDF-Leute, die vor den Flammen in das oberste Stockwerk des Hochhauses von Rostock-Lichtenhagen geflüchtet waren, sie hätten nicht rechtzeitig eine Brechstange gefunden, angenommen, sie wären verbrannt oder erstickt, angenommen, man hätte Täter festgenommen, die unter dem Ruf "Tod den Fidschis" den Brand legten, angenommen, der stellvertretende Generalstaatsanwalt in der Landeshauptstadt Schwerin hätte darüber zu befinden gehabt, ob gegen die Festgenommenen ein Mord-Verfahren zu eröffnen sei, angenommen, dieser stellvertretende Generalstaatsanwalt hieße – im neuen großen Deutschland ist alles möglich – Dr. Helmut Münzberg mit Heimatstandort in Hamburg – hätten dann die Mörder eine Chance gehabt, ohne Anklage schnell wieder auf freien Fuß zu kommen?

Aber allemal. Ein mutmaßlicher und stellvertretender Generalstaatsanwalt Dr. Helmut Münzberg hätte sicherlich gefragt, ob die Mordmerkmale der Heimtücke und der Grausamkeit vorlägen. Er hätte dies im Fall der umgebrachten Vietnamesen verneint, da die ohnedies in Rostock jederzeit damit rechnen mußten, von der aufgebrachten Volksmenge erschlagen zu werden. Sie konnten, als sie in den Tod gingen, unmöglich arglos gewesen sein. Das beweist schon die Tatsache ihres verzweifelten Fluchtversuchs. Und die toten ZDF-Reporter? Sie hat der Rauch so schnell erreicht, daß sie bewußtlos waren, bevor sie verbrannten. Ihnen ist also über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden, sie hatten insbesondere nicht besonders lange seelisch oder körperlich zu leiden. Und wer nun wirklich den Brand gelegt hat – da widersprechen sich die Aussagen von Zeugen und Beteiligten. Also keine Anklage.

Zuviel der Vorstellungen? Die Vietnamesen in Rostock und die ZDF-Reporter haben doch – wenn auch zufällig – überlebt. Nun, der stellvertretende Generalstaatsanwalt in Schwerin heißt Dr. Helmut Münzberg. Er ist aus Hamburg importiert, und man muß sich überlegen, welche Konsequenzen das haben kann. Münzberg hatte als Oberstaatsanwalt am 30. Juni 1967 ein Ermittlungsverfahren gegen den SS-Obersturmführer Arnold Strippel eingestellt, der 1945 den Kindermord am Bullenhuser Damm kommandierte. Zusammen mit 20 Kindern, die für Medizinversuche benutzt worden waren, ließ Strippel am 20. April 1945 28 sowjetische Kriegsgefangene aufhängen. Rechtliche Würdigung von Oberstaatsanwalt Münzberg am 30. Juni 1967 (sie wurde 1979 in Günter Schwarbergs Buch "Der SS-Arzt und die Kinder" abgedruckt): Der Mord an den sowjetischen Soldaten sei nicht zu bestrafen. Ihre Tötung sei "weder heimtückisch noch grausam" gewesen. Denn, so Münzberg: "All diese Häftlinge mußten stündlich damit rechnen, von der SS liquidiert zu werden. Nun wurden sie mitten in der Nacht auf einem bewachten Lkw zu einem einsam gelegenen Gebäude gefahren, jeweils zu viert von dem Lkw heruntergeholt und in den Keller dieses Gebäudes geführt. Keiner der in den Keller Gebrachten kam zurück. Alle diese Menschen können, als sie in den Tod gingen, unmöglich arglos gewesen sein; das beweist schon die Tatsache ihres verzweifelten Fluchtversuchs."

Kein Mord an den Kriegsgefangenen und auch kein Mord an den Kindern. Gewiß, hier sei die Tat heimtückisch gewesen, die Kinder seien "auf viehische Weise" umgebracht worden. Aber es fehle das Mordmerkmal der Grausamkeit. Denn, so Münzberg: "Die Ermittlungen haben nicht mit der erforderlichen Sicherheit ergeben, daß sich die Kinder über Gebühr lange quälen mußten, bevor sie starben ... Ihnen ist also über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden, sie hatten insbesondere nicht besonders lange seelisch oder körperlich zu leiden."

Aber Dr. Helmut Münzberg, der Staatsanwalt, der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Schwerin, leidet. Ihm ist über die Förderung seiner Karriere hinaus ein großes Übel zugefügt worden. Er verlangt deshalb Schmerzensgeld von 10 000 Mark.

Der Fall: Karl-Eduard von Schnitzler hat in seinem Buch "Der rote Kanal" geschrieben, daß Münzberg "Belastungsmaterial in Entlastungsmaterial umgemünzt" habe, als er mit der zitierten Formulierung den Prozeß einstellte. Da Münzbergs Frau Richterin der eigentlich zuständigen Zivilkammer 24 ist, beschloß die 15. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg mit den Richtern Dr. Deutsch, Schneider und Harder am 10. Dezember 1992, daß der Hamburger Verlag Edition Nautilus das Buch nicht verbreiten dürfe, solange die Münzberg betreffenden Angaben in ihm enthalten seien. Schon im Buchhandel befindliche Exemplare müssen mit Aufklebern versehen werden: "Wir stellen richtig: Dr. Helmut Münzberg hat nicht auf Freispruch plädiert, sondern vor Erhebung einer Anklage das Ermittlungsverfahren gegen Arnold Strippel eingestellt, weil diesem eine Tatbeteiligung mit der für eine Verurteilung erforderlichen Wahrscheinlichkeit nicht nachzuweisen war... Daß Grausamkeit verneint worden ist, hat auf die Einstellung keinen Einfluß gehabt."