Von Rainer Frenkel

Berlin

Hansgeorg Bräutigam hatte "eine unglaublich große Herausforderung" vor sich gesehen. Er sagte dies ein paar Wochen bevor er den Vorsitz jener Strafkammer übernahm, die heute über Erich Honecker und andere Spitzenfunktionäre der DDR zu Gericht sitzt. Nun muß er erkennen: Die Herausforderung war für ihn zu groß.

Seine eigenen Kollegen haben Bräutigam wegen Befangenheit aus dem Verfahren entfernt. Sie folgten damit Anträgen der Honecker-Verteidiger und dreier anderer Anwälte im Saal, die Nebenkläger vertreten, also Verwandte von Opfern, die an der einstigen innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen waren. Dieser ungewöhnliche Rauswurf erster Klasse quittiert eine Lüge des Richters. Gefragt, was er denn während einer Prozeßpause am 12. Dezember den Verteidigern Honeckers zugesteckt habe, hatte Bräutigam geantwortet: eine "normale Postsache". Tatsächlich hatte er den Anwälten einen Berliner Stadtplan mit der Bitte um ein Autogramm Honeckers überbracht. Ein Ergänzungsschöffe hatte diesen Einfall. Der ist nun auch draußen.

Richter und Schöffe als Autogrammjäger: Die Posse bildet nur einen der vielen traurigen Höhepunkte in einem nun schon sieben Wochen dahinsiechenden Prozeß, der doch Geschichte, zumindest Rechtsgeschichte machen sollte. Und natürlich hat Hansgeorg Bräutigam sein Teil dazu beigetragen, daß das Verfahren zum würdelosen Schauspiel verkommen ist.

Schon zu Beginn wirkte der Vorsitzende Richter für viele, die ihn kennen, überraschend unsicher. Erst nach einigen Tagen gewann er Statur, leitete das Verfahren wirklich. Aber rasch verspielte er seine Autorität wieder; seine Fragen waren schlecht vorbereitet; Frechheiten der Anwälte raubten ihm die Fassung; seine Sätze purzelten durcheinander, was ihn noch mehr verbiesterte.

Und dann zwei unbegreifliche Fehltritte. Der erste schon ließ ihn straucheln: ein Fernsehinterview zu einem noch nicht veröffentlichten Gutachten über Honeckers Krankheit. Dessen Verteidiger Nicolas Becker warnte: "Sie haben sich nicht nur weit aus dem Fenster gelehnt, Sie sind bereits herausgefallen." Aber das Unglück geschah erst, als Bräutigam die Fanpost weitergab.