Werden wir irgendwann nach einem hervorragenden Essen im Restaurant noch sagen, das zart an Wirsingbällchen gelehnte Kalbsfilet sei „ein Gedicht“ gewesen? Ein Vergleich bedarf des Pendants, und wem bedeutet Poesie heutzutage noch so viel, daß sich ihr Wortzauber als Analogie für Gaumengenüsse eignete? Die Zeiten ändern sich. Und Neues, keine Frage, ruft auch nach neuen Namen.

So werden denn Whopper und Flopper, die beseeligenden Erfindungen der Fast-food-Ära, längst mit Ausrufen wie „eine Wucht“ bedacht, heiße Apfeltaschen als „eine Bombe“ gepriesen, und wenn die Mayo in die Fritten fließt, ertönt ein enthusiastisches „echt geil“. Diesen sattsam genossenen Varianten einer schnellen Atzung, die sich einem Tempo wie im Taubenschlag verschrieben hat, erwächst nun eine Konkurrenz mit gegenläufiger Tendenz, frei nach dem Motto „Verweile, Gast, hier ist’s so schön.“

Den Anfang machen die Restaurants der Marriott-Hotels, die wie Luxus-Ufos zunehmend auch in deutschen Städten niedergehen. Als erstes Haus der amerikanischen Kette soll das Hamburger „Marriott“ zur Premiere der sogenannten „Erlebnis-Gastronomie“ laden. Darum wird dort derzeit umgebaut und umdesignt, denn das neue Speise-Entertainment bedarf der überzeugenden Kulisse. Wie im Theater soll es künftig zugehen bei Tisch, wobei dem Bedienungspersonal auf dieser Bühne die tragenden Rollen zufallen. Ein Ober, der Steaks und braune Bohnen serviert, muß dann auch in der Lage sein, überzeugend den Rancher abzugeben. Und das Tex-Mex-Gericht werden die Serviererinnen mit einem Hüftschwung à la „Viva Maria“ begleiten. Dazu, o Mundharmonika, spiel uns das Lied vom Tod.

Essen als Unterhaltungsspaß, das Restaurant ein Themenpark, in dem dann allerdings die gastronomische Vielfalt nur des einen Landes geboten werden soll: Amerika. Denn der Hotelchef hat erkannt: „Hamburg ist reif für die USA.“

Wie beglückend, in einer Stadt zu wohnen, die solche Ehrung verdient. Wohl uns, die wir als Amerikas Pioniere mit Messer und Gabel dabei sein dürfen, wenn bei Tisch eine neue Epoche anbricht. Derzeit, ist zu hören, werden, passend zu den künftigen Menüs, die entsprechenden Requisiten herbeigeschafft. Von einarmigen Banditen aus Las Vegas ist die Rede und von indianischen Totempfählen. Folklore wird fröhliche Urständ feiern, und es sollte uns sehr wundern, wenn nicht zu Ostern Kellnerinnen in Häschentracht am Tisch die Eier braten: sunny-side up!

Spareribs vom Grill und das doggie bag schon in der Hinterhand, die Steaks künftig nur noch mit einem Lobsterschwanz obendrauf. Vor allem: Heidelbeerkuchen wird es geben, daß uns ganz blau wird vor Augen. Denn schon ist durchgesickert, daß der Geburts- und der Todestag des Elvis Aron Presley prunkvoller gefeiert werden sollen als alle christlichen Feste zusammen.

Vielleicht schwimmen eines Tages sogar goldene nuggets statt der dussligen Sternchennudeln in der Suppe, und beim Truthahnessen zum Thanksgiving Day wird endlich auch im Hotel bei Tisch gebetet. Singender Senf und fliegende Windbeutel, Pinguine, die Eistorten servieren, und Cowboys, die das Geschirr mit dem Lasso abräumen – so werden wir am Ende doch noch ein wenig dafür entschädigt, daß Euro-Disney an die Franzosen fiel.