Von Claudia de Weck

Wollen Sie dieses Jahr ein Noten- oder ein Berichtszeugnis für die Leistungen Ihrer Kinder in dieser dritten Klasse?“

Ich bin zwar elternabendgeübt, aber eine solche Frage ist mir noch nie gestellt worden. In Frankreich hatten wir versammelten Eltern über den Belag der Sandwiches fürs Schulfest (Fleisch oder Käse?) und über die nötige Anzahl Socken für die dreiwöchige Klassenreise in die Bretagne debattiert. Hier in Deutschland ging es um die Wahl der Elternvertreter und um den Abstimmungsmodus (hat jedes Elternpaar oder jedes anwesende Elternteil eine Stimme, und was ist mit den Alleinerziehenden?). Auch die Pausenmilch und das Taschengeld für die fünftägige Klassenreise in die Lüneburger Heide (5 Mark pro Tag!) standen schon oft auf der Tagesordnung.

Und nun diese Frage! Als mündige Elternteile angesprochen, aus dem üblichen Elternabenddösen aufgewacht, stürzen wir uns in die Diskussion. Schlagworte werden in die Runde geworfen: Konkurrenz contra Solidarität, Selektion contra Integration, Leistung contra freie Entfaltung, bis die einen Eltern mit wüsten Worten des Rechtskonservativismus und die anderen des Linksliberalismus bezichtigt werden. Ich fühle mich in die späten sechziger oder frühen siebziger Jahre versetzt. Sind solche Links-rechts-Diskussionen nicht schon längst altmodisch? Mir fällt in Deutschland eine immer weiter um sich greifende Unsicherheit in Sachen Schule und Erziehung auf.

Unsicherheit bei den Eltern: Wir leben im Zeitalter des Widerspruchs. Wir wollen für unsere Kinder sowohl Druck als auch Schonung, sowohl Leistung als auch möglichst viel Spaß, sowohl Erfolg als auch Komfort, sowohl Maximierung der Chancen des einzelnen als auch Chancengleichheit für alle. Die einen Eltern beklagen sich über den Schulstreß ihrer Kinder, der allerdings meistens hausgemacht ist, die andern monieren, ihre Sprößlinge würden zu wenig gefordert. Wir wollen schlicht das Glück unserer Kinder. Aber noch nie wären die Vorstellungen über das Glück der Menschheit so konfus wie heute. Es besteht weder ein Konsens über Werte, die wir für wichtig halten (wir wissen ja nicht einmal, wann das Leben unseres Kindes beginnt), noch ein Konsens über Erziehungsziele. Einzig darüber sind wir uns einig: Demokratisch soll die Erziehung sein.

Unsicherheit bei den Politikern: Die Politik reagiert in den verschiedenen Bundesländern mit den verschiedensten Vorschlägen auf die Verunsicherung der Eltern: Gemeinsamer Nenner dieser Diskussionen ist aber nur der Kostengesichtspunkt. Von substantiellen Verbesserungen wagt niemand mehr zu sprechen.

Unsicherheit der Schule: In diesem Spannungsfeld der Verunsicherungen steht die Schule mit ihrer Hauptfrage: Woran orientieren wir uns? Am Wohl der Kinder natürlich! Aber was heißt das? Seit Jahrzehnten hat die Schule die gleiche Zeit zur Verfügung, aber wachsende