Das Leben ist nicht nur Sahne, und so müssen wir auch an diesem heiteren Ort von Zeit zu Zeit einmal ernst werden. Bitter ist doch: Wir haben uns getäuscht. Albern jener uns einst so kindlich tröstende Satz: "Alles wird gut." Ha! Das trifft vielleicht, wissen wir heute, auf Akne zu (auch da nicht immer). Alles andere: der Busen, die Umwelt, das neue Deutschland – traurig, traurig.

Geradezu noch alberner jener zweite, unsere Zuversicht noch steigernde, uns gewissermaßen in die utopische Tiefe der Zukunft hineinreißende, so begeisternde Satz: "Alles wird besser." Freundliche Idioten, die wir so leichtsinnig an den Fortschritt glaubten... Wir waren so naiv: Nyltest-Hemden: nie mehr bügeln; zartgelbe Kraft-Scheiblette: nie mehr Käsefinger beim Abendbrot! Später dann Prosecco statt Popelsekt und, auf dem Sofa von form italia ruhend, im Fernseher die neuesten Sender durchgeschnippt: noch witziger, glitziger, irgendwie einfach wahnsinniger! sollten sie sein. Wie wir das in unserer adornesken Phase formuliert hätten: noch ein Stück Kulturarbeit weg vom elenden Marktplatz, wo einst das stumpfe Volk, die Zerstreuung suchend, in der Nase den Schweiß vom Nachbarn hatte, die Füße im Dreck. Vorbei, Gott sei Dank.

Wo unsere Zukunft wirklich hinläuft, hat sich indes seit längerem abgezeichnet, ohne daß wir bereit gewesen wären, die Zeichen zu sehen. Zum Beispiel in der neuen Fernsehwelt: "Immer mehr Live-Shows", meldete irritiert die Kritik, "einfallsloser Sex", "schlechter Geschmack!" So ist es. Wir sehen kleine Früchtchen bei der Bankkauffrau S., ein nettes Gehänge beim Pizzabäcker, buhlende Handelsvertreter, und anschließend werden alle von Lovely Linda zum Traualtar geschleppt: "Ja, ich will..." Sie flüstern da vorne, und wir schauen zu. Soll so das schöne Leben sein? Alles Show, und wir machen peep peep? Ach, es ist so frivol – und so unendlich frustrierend! Warum das so ist, wohin das noch führt, zeigt uns deutlich die neue Serie von Sat 1, "Ich bekenne", jetzt jeden späten Sonntagabend.

Statt Bankkauffrau ist ein veritables Monster geladen. Der Kinderschänder kommt! Unser Herz macht bummbumm, seine Füße tapptapp, schon ist er da. "Günter", sagt die Interviewerin professionell-freundlich, "Günter", sagt die Psychologin Sibylle Storkebaum, "was sehe ich denn so in Ihren Kinderpornofilmen?"

Wahnsinn!, denken wir, jetzt ja wirklich noch wahnsinniger! Und bangen: Was sagt er jetzt? Wir hören eine belegte Altmännerstimme (Halsweh?): "Ich bin hier, um alle Eltern zu warnen, daß sie auf ihre Kinder gut aufpassen sollen..." Leise klackt das Gebiß. Mensch, Günter! Liebes Sat 1!

Ein TV-Team will alles wagen – und traut sich nicht. Reißt das schärfste Thema an – und zeigt zehn fette Seniorenfinger hinter Milchglas. Schaltet eine Woche später die "Hotline" zur "Edelhure Roberta" – und sendet: "Ich mache nichts, was nicht jede biedere Hausfrau tun würde." Wie bitte?, denkt Frau Storkebaum: "Sie müssen mir helfen, ich bin da keine Expertin", sagt sie spitz. Und lernt: "Es ist die normale Samstagnachmittagsnummer, meistens in der Missionarstellung."

Was hier passiert, ist dies: Da fühlt doch jemand, wie der Trend läuft: Weg mit dem Milchglas, runter vom Sofa. Mit Günter raus auf den Marktplatz. Zeigt das fette Schwein! Das Toupet gelüftet, das Jacket herunter und dann los. Die Stellungen sind ja bekannt: ein bißchen zwicken, ein bißchen peitschen, ein wenig hecheln und auch mal tüchtig schreien. Nur keine Scheu, Sybille. Weg mit den Perlen, rein ins Leder, so muß es sein. Denn die Zeiten des Interviews sind vorbei, was kommt, ist die Inquisition. Wer das sagt? Das Tier in uns. Es braucht das, den Angstschweiß in der Nase, die Füße im Dreck. Genau wie früher. Die Zukunft ist eine Schleife. Wir werden es sehen, schon bald, gesponsert von Sat 1. Und versprochen: Es wird furchtbar werden:

Susanne Mayer