BERLIN. – Ein Ort, an dem die Uhren anders gehen, ist bekanntlich ein Ort der Zuflucht, der Muße, der inneren Erholung, eine Insel im gnadenlosen Meer kapitalistischer Gleichzeitigkeit, wo man weder auf die Uhr schauen muß, noch öffentliche Uhren an die Zeit erinnern. In Berlin gehen gegenwärtig die Uhren anders, das heißt, die Uhren gehen nach wie vor, genauer: sowohl nach als auch vor. Doch von Muße keine Spur; im Gegenteil: Wut, Proteste, Zu-spät-Kommen, Entlassungsdrohungen und die leicht gereizte Suada erschöpfter Pressesprecher – noch ein Moment des neuen Berliner Metropolengefühls also, eine zunehmend aggressive Apathie, die man am besten auf die Formel bringen könnte: „Auch das noch!“

Es sind höchst wichtige Uhren, die seit Dezember in Berlin falsch gehen, „netzbetriebene Schaltuhren“, Zeitmesser in Radioweckern, Herden, Mikrowellengeräten, Schaltuhren bei Banktresoren und eben auch öffentliche Uhren. Der Zeitvergleich ist ganz alltäglich geworden, zwischen batteriebetriebener Kirchenuhr, Radiowecker und Armbanduhr. Historisch gesehen, ist dieser Vergleich eine der letzten residualen Formen des guten alten Systemvergleichs zwischen West und Ost. Denn: Ende des letzten Jahres ergab sich, wie der schwergeprüfte Pressesprecher der Berliner Elektrizitäts-Werke, der Bewag, mitteilte, die Chance, das Westberliner Stromnetz mit dem Ostnetz zu verknüpfen, um für Spitzenbelastungen eine Reserve zu haben. Es sei nur „eine ganz kleine Leitung“, nur eine 100 000-Volt-Leitung, über den Potsdamer Platz gelegt worden. Eigentlich fließt da „normalerweise“ kein Strom. Allein, die Leitung „muß natürlich offen bleiben“.

Das Ergebnis ist ganz einfach (die technischen Erklärungen würden den Rahmen sprengen): Obwohl kein Strom fließt, schlägt die Ostfrequenz durch. Die aber spielt so um fünfzig KHz, während die Westfrequenz mit größeren Kosten exakt auf fünfzig KHz gehalten wird. Dabei habe man sich nach der Wende im Ostnetz sehr angestrengt und die Frequenz stabilisiert. Vorher, vor der Wendezeit, gingen eben „im Osten die Uhren immer verkehrt“. Aber trotz aller Stabilisierung reichen kleine Frequenzschwankungen über „eine ganz kleine Leitung“ aus, um das Westnetz zu infizieren. So haben netzbetriebene Schaltuhren“ inzwischen eine „Vorlaufzeit“ von vierzig Minuten.

Im Zuge der „inneren Einheit“ gehen also in Berlin die Uhren falsch. Dem Osten gelingt es, zurückgeblieben wie er ist und praktisch ohne Energie, den Westen zu verosten. Ein Vorgang, der auch sonst im vereinten Deutschland zu beobachten ist. Natürlich kann man dem Symboldruck dieser Misere kaum entgehen. Wenn eine neue Zeit begonnen hat, werden die Uhren in Mitleidenschaft gezogen. Walter Benjamin erwähnte in seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, daß am Abend des ersten Kampftages der Juli-Revolution von Paris an mehreren Stellen unabhängig voneinander auf die Turmuhren geschossen wurde. Ende 1989 wurde Ähnliches aus Bukarest berichtet. Nun aber, und das ist historisch neu, bleiben im neuen europäischen Zeitalter die Uhren nicht stehen, sondern sie gehen eben sowohl vor als auch nach – zumindest in Berlin.

Die neue Zeit, eine Zeit der Ungleichzeitigkeiten? Das Räsonnement ist so unvermeidlich wie der frustrierende Uhrenvergleich. Eine ungleichzeitige Stadt, ein ungleichzeitiges Land, in dem gestritten werden darf, welche Ungleichzeitigkeit ungleichzeitiger ist. Mit hohem Tempo wird die Metropole 2000 geplant und die erste nichtprovisorische Hauptstadt Deutschlands seit dem Kriege vorbereitet. Aber die Hauptstadt selbst, mit ihren Kopf- und Rumpfministerien, bewegt sich oder steht auf der „Zeitschiene“. Und wer da die Weichen stellt, läßt sich jedenfalls zwischen Bonn und Berlin kaum klären.

Tempomacher und Bremser, ob sie nun Hassemer oder Schwätzer heißen, haben sich schon auf unterschiedlichste Weise vereint, Die Langsamen kommen schneller ans Ziel, an dem sie schon sind, und wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Der Westen, aufgebrochen, um den Osten zu modernisieren, will die Zeit zurückdrehen, weil er schließlich auf der Höhe der Zeit ist. Und der Osten? Er rächt sich mit seiner Frequenz. Das ist so symbolisch wie platt – wie die vereinte Wirklichkeit selbst, in der die ganzen bedeutungsschweren Ausrufezeichen eben Teil eines diffusen Alltags geworden sind, bei dem man sich nicht einmal darüber einigen kann, was die Stunde geschlagen hat in Berlin und in Deutschland. Nur soviel steht fest: Die Realität selbst fängt an zu kalauern, mit Symbolen.