Dino nannte die Familie Feuerstein in der gleichnamigen amerikanischen Comic-Serie ihr Haustier. Der anschmiegsame Dinosaurier der Eheleute Fred und Wilma prägte sich den begeisterten Zuschauern zwar ein, in die Steinzeit vor einigen 10 000 Jahren paßt er jedoch nicht. Schließlich starben die Riesenechsen schon vor rund 65 Millionen Jahren aus. Doch nicht nur Comic-Zeichner würden die urtümlichen Lebewesen gerne auferstehen lassen, auch Science-fiction-Autoren und -Journalisten sind von der Wiederbelebung der Urviecher im Zeitalter der Gentechnologie begeistert.

Die neueste Überlegung, die durch den Blätterwald geistert, lautet: Dinosaurier-Rekonstruktion aus Bernstein. Wie bitte? Ganz einfach: Man finde eine in Bernstein eingeschlossene Mücke, die einer Urechse kurz vor ihrem Tod noch ein Quentchen Blut abgezapft hat (beispielsweise aus einer Wunde). Aus dem solchermaßen präservierten Saurierblut isoliere man die Erbsubstanz DNA, nach deren Vorbild sich dann – frei nach dem Motto: "Klon dir einen Saurier" – die Riesenechse wieder rekonstruieren lassen sollte. Soweit die Theorie.

In der Praxis stehen dem journalistischen Sauriergespinst allerdings noch ein paar unbedeutende Hindernisse gegenüber. Schwierig dürfte sich zunächst einmal die Suche nach einer geeigneten Mücke gestalten, die kurz vor ihrem raschen Tod im Harz noch ein opulentes Dinosaurier-Blutmahl zu sich genommen hat. Schließlich malträtiert das Insekt eine Echse ja nicht zum Ergötzen der Gentechnologen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern will sich von dem Blut ernähren. Also wird es seine Mahlzeit samt Erbsubstanz DNA über kurz oder lang verdauen. Diesem Prozeß müssen die Forscher aber zuvorkommen, mit den kärglichen Resten im Darm können sie nämlich auch mit modernsten Methoden herzlich wenig anfangen.

Selbst wenn es eine Mücke aber gleich beim Abflug von der Dinosaurierhaut erwischt haben sollte, wie wollen die Wissenschaftler sie erkennen? Um die DNA einer bestimmten Tierart aus einer Probe zu fischen, benötigen Gentechnologen eine sogenannte Sonde. Die wiederum konstruieren sie nach dem Vorbild der Erbsubstanz eben dieser Art. Niemand weiß aber, wie die DNA eines Sauriers aussah. Sonst müßte man ja auch nicht mühsam suchen. Ausweg: Die Sonde könnte sehr allgemein gehalten werden, also zum Beispiel für alle Wirbeltiere geeignet sein. Probleme würden spätestens dann auftreten, wenn statt des gewünschten Dinosauriers ein gewöhnliches Krokodil aus dem Ei schlüpfen würde. Eine genaue Stammbaumanalyse könnte hier vielleicht Abhilfe schaffen, bleibt aber mit gewaltigen Unsicherheiten behaftet.

Nächstes Problem: Nicht nur der Mückenmagen, auch (fast) jedes andere Milieu der Umwelt zerlegt Erbmaterial rasch in seine Bausteine. Erste Ergebnisse bestätigen diese Erfahrung auch für DNA in Bernstein. Einen kompletten Kern einer Dinosaurierzelle dürften die Forscher daher dort wohl kaum finden. Und nur den könnten sie theoretisch der Eizelle einer verwandten Art quasi als Kuckucksei unterjubeln. Obendrein kämen als nächste Verwandte wohl nur bestimmte Vögel in Frage. Ob die das schlüpfende Dinosaurierküken nicht aus dem Nest werfen würden, bleibt noch zu fragen – wenn die Chimäre sich überhaupt entwickeln sollte. Schließlich bestehen ja gewisse Unterschiede zwischen einem Spatzen und einem Dinosaurier.

Ohne intakten Zellkern bliebe den Forschern nur eine Chance. Sie müßten alle Erbeigenschaften der Riesenechsen einzeln isolieren, zum großen Teil wohl sogar aus übriggebliebenen Fragmenten rekonstruieren. Ohne Vorbild bei vielleicht 100 000 Erbeigenschaften fürwahr eine Sisyphus-Arbeit.

Damit nicht genug. Anschließend müßten sie jedes einzelne dieser Gene in ein vorhandenes Chromosom – das ist ein langer Strang verschiedener Erbinformationen inklusive einer Unzahl von größtenteils noch unbekannten Steuerfunktionen – einbauen. Zielgerichtet erreichen Gentechnologen das noch nicht einmal bei einer einzigen Erbeigenschaft, der Einbau von 100 000 dürfte daher bis Ultimo viel länger dauern. Wenn sie es wider Erwarten doch schaffen sollten, müßten sie das Chromosom wieder in seine natürliche Form falten, bestimmte Eiweiße, von denen einige noch gar nicht bekannt sein dürften, an genau festgelegte Stellen kleben und das Ganze auch noch in eine funktionierende Zelle einbauen. Alles Dinge, die seit langem in irdischen Labors ihrer Entdeckung harren.

Erste grobe Schätzungen deuten auf einen Zeitrahmen von rund 65 Millionen Jahren hin, bis der erste Dino aus einem Vogelei schlüpfen könnte. Vielleicht aber versucht sich bis dahin schon eine andere Art mit noch raffinierteren Methoden an der Rekonstruktion des bis dahin längst ausgestorbenen Menschen. In den Pausen ihrer langwierigen Arbeit könnten diese Wesen dann ja ein paar Filme ihres Studienobjektes anschauen. Zum Beispiel die Serie von Fred Feuerstein und seinem Dinosaurier.