HAMBURG. – Eigentlich sind sich alle einig: In zahllosen Städten und Gemeinden sollen Straßen, Alleen, Plätze und Chausseen nach dem verstorbenen Willy Brandt benannt werden. Doch: Wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg.

Denn zum ehrenden Angedenken an den Alt-Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger reicht der nächstbeste Seitenpfad natürlich nicht aus. Es muß schon etwas Repräsentatives her, zentral gelegen und überhaupt: würdig. Für die Umbenennung kommen also vor allem solche Adressen in Frage, deren Namen höchst vertraut und traditionsbeladen sind – und von denen sich kaum jemand trennen mag.

Wie etwa der Neue Jungfernstieg in Hamburg. Der würde demnächst Willy-Brandt-Ufer heißen, wenn es nach dem Willen der SPD-Mehrheitsfraktion im Bezirk Mitte gegangen wäre. Ablehnend reagierten auf den verwegenen Vorschlag erst die Anwohner, die neue Briefköpfe und Visitenkarten hätten drucken müssen, dann SPD-Bürgermeister Henning Voscherau mit einem Verdikt von erlesener Souveränität: „Ihr seid mir schöne Hanseaten“, tadelte er die Genossen und berief sich auf eine Verordnung aus dem Jahre 1963: Danach dürfen in Hamburg Straßenumbenennungen nach verstorbenen Persönlichkeiten frühestens zwei Jahre nach deren Tode vorgenommen werden. Der Senat werde dementsprechend „zu gegebener Zeit einen wohlerwogenen Vorschlag machen, der traditionsreiche Straßennamen, die zu den Hamburgensien zählen, achtet. Bis dahin muß das Andenken Willy Brandts geehrt werden“ – auch ohne eine feste Adresse.

In Berlin, wo Willy Brandt immerhin 18 Jahre lebte und von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister war, sind Straßenumbenennungen sogar erst nach fünf Jahren möglich. Fürfeine schnellere Umbenennung müßte eine Ausnahmeregelung neu geschaffen werden, die erst 1986 gestrichen wurde. Für die Rechtsabteilung des Verkehrssenators wäre eine Sondergenehmigung „kein Problem“, notfalls müsse man eben ein „Willy-Brandt-Straßen-Gesetz“ erlassen. Die juristischen Kollegen beim Innensenator dagegen halten des für ausgeschlossen.

Trotzdem soll im alten Wahlkreis Willy Brandts, im Bezirk Wedding, nach den Vorstellungen der örtlichen Sozialdemokraten die Brunnenstraße umbenannt werden, und zwar schon am 18. Dezember diesen Jahres, Brandts 80. Geburtstag. Als künftiges Brandt-Monument böte sich auch der geplante vierte Berliner Flughafen an: Dessen Standort steht zwar noch nicht fest, aber einen Namen hat der SPD-Europaabgeordnete Gerhard Schmid schon vorgeschlagen: „Willy-Brandt-Airport“, sozusagen als nördliches Pendant zum „Franz-Josef-Strauß-Flughafen“ bei München. Elegante Lösungen verhieße das noch zu bauende Regierungsviertel: Hier fänden sich repräsentative und noch dazu namenlose Straßen en masse.

Im alten Regierungssitz, Brandts letztem Wohnort, wird das Problem vertagt – streng nach Vorschrift: Erst gegen Ende einer einjährigen Sperrfrist will die Bonner Stadtverwaltung „den einen oder anderen Ausschuß einberufen“.

In München hat die SPD-Fraktion die Verwaltung beauftragt, „einen geeigneten Platz zu finden“. Hier schreibt die Pietät keine Frist vor. In Erfurt ist man schon fündig geworden: Den Bahnhofsvorplatz, auf dem im März 1970 Tausende DDR-Bürger den damaligen Bundeskanzler feierten, will die SPD zum Willy-Brandt-Platz ernennen. Lüneburg hingegen will seine Willy-Brandt-Straße in ein ödes Neubaugebiet verbannen. Darauf einigte sich der Stadtrat einstimmig – ebenso wie in Brandts Geburtsstadt Lübeck: Auf der Wallhalbinsel, wo derzeit die Musik- und Kongreßhalle entsteht, soll eine der neuen Straßen nach ihm benannt werden.