Das kleine Heizhaus im sächsischen Städtchen Freital hat nur noch Museumswert: Die Öfen sind erkaltet, der Schornstein ist halb abgerissen, und auf dem Kohlelagerplatz wächst Gras. Fünfzig große Ascheimer sind feinsäuberlich im Hof gestapelt, und zwei leere Kohlekarren stehen nutzlos über den Einfüll-Luken. Im Dienstzimmer hängt verloren der Schichtplan – der letzte Eintrag stammt vom Mai 1992.

So wie in dieser Kommune südlich von Dresden wurden überall in der ehemaligen DDR Heizhäuser betrieben. Fast mannsdicke Rohrleitungen transportierten von dort aus Wärme in Form von Heißwasser oder Dampf zu Schulen, Krankenhäusern und Neubaugebieten. Während in alten Bundesländern nur neun Prozent aller Wohnungen an solch einem Fernwärmenetz hingen, waren es im Osten Deutschlands fortschrittliche 24 Prozent. Dieses Potential ließe sich heute für eine umweltfreundliche und ressourcenschonende Energiewirtschaft nutzen. Doch der theoretische Idealfall – ein Industriebetrieb oder ein Stromkraftwerk pufft seine Abwärme nicht sinnlos in die Gegend, sondern heizt damit Wohnungen – war in der ostdeutschen Realität nicht oft verwirklicht. Meist wurden, wie in Freital, reine Heizhäuser betrieben, mit niedrigen Wirkungsgraden, die Westtechniker nur schaudern lassen.

In der sächsischen Kleinstadt Freital, wie überall im Osten, spürten die Heizwerker daher bald nach der Wende die unerwarteten Zwänge der Marktwirtschaft: Eberhard Rausch, von seinem Ingenieursposten auf den Sessel des Geschäftsführers katapultiert, mußte sich plötzlich mit der Frage "Rechnet sich das?" herumschlagen. In der sozialistischen Planwirtschaft stellte das Heizwerk die Wärme zur Verfügung, und die Abnehmer bezahlten verbrauchsunabhängige Festpreise. Subventionen von jährlich drei Milliarden Mark sorgten dafür, daß die Fernwärme den Verbraucher in der ehemaligen DDR pro Megawattstunde (MWh) nur rund 25 Mark kostete. Der kostendeckende Preis hätte jedoch eigentlich bei 155 Mark liegen müssen, wie Bärbel Laschke vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Halle inzwischen ausgerechnet hat. Unökonomisch war im Fernwärmesystem des Ostens nicht nur die Energieerzeugung; dasselbe gilt auch für die Leitungen, die – nach planwirtschaftlicher Notwendigkeit ausgelegt – oft zu lang waren oder für spezielle Abnehmer (Textilbetriebe, Färbereien) verlustreich mit Dampf betrieben wurden. Für die Hausanschlüsse war die nötige Meß- und Regelungstechnik im real existierenden Sozialismus ohnehin nur selten aufzutreiben.

Die marktwirtschaftlich unerfahrenen Ostler sahen sich jedoch nicht nur einem Berg von ungelösten Problemen gegenüber, sondern wußten sich auch plötzlich vor Hilfsangeboten kaum mehr zu retten. Bis dahin unbekannte Westorganisationen wie der Verband Kommunaler Unternehmer (VKU), die Arbeitsgemeinschaft Fernwärme (AGFW), der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), Stromkonzerne, Steuerberater und Energieexperten – sie alle gaben sich im Osten die Klinke in die Hand. "Ich sag’ immer: Wir waren die Indianer, und dann kamen die Weißen mit den Glasperlen", witzelt Eberhard Rausch. Manche Ostkommunen hätten sich zum Beispiel im Westen komplette Hausanschlußstationen gekauft, vorgefertigt für 20 000 bis 40 000 Mark, "feine Technik, mit Computer und allem – und dann haben sie gemerkt, daß sie die nicht durch die Türe kriegen. Da hat die Firma denen in der Euphorie etwas eingeredet."

Die neugegründeten Technischen Werke Freital dagegen schafften den Sprung ganz gut: Sie konnten eine in nächster Nähe vorbeilaufende Erdgasleitung anzapfen und ihre großen Heizkessel auf den sauberen und billigen Energieträger aus der damaligen Sowjetunion umstellen. Für die plötzlich arbeitslosen Kohleheizer wurde mit der örtlichen Volkshochschule ein Umschulungskurs in Grünanlagenpflege organisiert. Statt früher fünfzig Mann seien sie heute nur dreizehn, erzählt der Freitaler Betriebsingenieur Klaus Schür, "wir machen aber mehr". Die Hausanschlußstationen sind modernisiert, und die pfiffigen Sachsen haben sogar rund um die Uhr einen Funkdienst eingerichtet. "Was wir jetzt für eine Technik haben – da hat man vor vier Jahren noch überhaupt nicht gewußt, daß es so was gibt", begeistert sich Geschäftsführer Rausch.

Andere Kommunen dagegen kommen mit der Umstellung nicht so einfach zurecht. Nicht nur, daß die dringend notwendigen Investitionen die Wärmepreise belasten, sondern vielfach verschwinden auch die Verbraucher vom Markt. Viele Betriebe beispielsweise, die mit Fernwärme versorgt wurden, haben inzwischen die Produktion eingestellt. Der "Schnellbericht 1991" der Arbeitsgemeinschaft Fernwärme (AGFW) weist bereits einen Rückgang des Gesamt-Anschlußwertes im Osten um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. Und im privaten Wohnungswesen machen den Versorgungsunternehmen, so paradox es klingt, gerade die Maßnahmen zu schaffen, die die frühere Energieverschwendung eindämmen. Denn mit 200 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr verbrauchten die DDR-Bürger zur Beheizung ihrer (neuen) Plattenbauten mehr als doppelt soviel wie die Wessis mit 80 kWh pro Neubau. Da läßt sich ahnen, welche Umsatzeinbußen der Einbau von Thermostaten, das Abdichten von Fenstern und andere Dämm-Maßnahmen mit sich bringen. In der sächsischen Landeshauptstadt Dresden beispielsweise werden in den Inselnetzen für Industrie und nichtöffentliche Verbraucher nur noch etwa die Hälfte der installierten 500 Megawatt (MW) benötigt. Das ist bitter für eine Stadt, die vor fast hundert Jahren das erste Fernheizwerk Europas in Betrieb nahm.

Da bleibt nur noch die Hoffnung auf neue Kunden, die man im Wettlauf mit den Anbietern von Öl- oder Gasbrennern zu gewinnen sucht. Das ist jedoch bei den inzwischen kräftig gestiegenen Fernwärmepreisen gar nicht so einfach: Statt der früher üblichen sechzig Pfennig pro Quadratmeter und Monat müssen die Ostverbraucher heute bis zu drei Mark berappen. Soviel darf laut Mietpreisbindung auf die Wohnungen zwischen Rostock und Dresden jedenfalls maximal umgelegt werden. Auch wenn das für manchen Fernwärmelieferanten noch nicht einmal kostendeckend ist – für potentielle Neukunden ist das bereits Grund genug, den Einbau eines eigenen Öl- oder Gaskessels zu erwägen. Zumal, wie Experten auf der letzten VDI-Tagung über Fernwärme in Leipzig berichteten, die Kunden oft ganz persönliche Aversionen gegen die früher staatlich verordnete Fernwärme hegen.