Good bye, Johnny! Der Jeep, der mich zur Schotterpiste des winzigen Inselflugplatzes bringen wird, nimmt Fahrt auf. Vivita mit der dunkelroten Hibiskusblüte im schwarzen Kraushaar winkt. Und Rasekaseka, den alle Johnny nennen, winkt auch. Sie winken immer, wenn Gäste aus den USA, Australien oder Europa wieder einen der acht mit Palmstroh gedeckten Bungalows der Luxusanlage Wakaya Island verlassen. Vivita arbeitet hier als Kellnerin und Rasekaseka als Barkeeper.

Vor ein paar Minuten haben beide noch zusammen mit anderen Bediensteten ein Abschiedslied für den Fremden gesungen: „I sa! I sa! Vulagi lasa dina.“ Das wehmütige melanesische Lied singen sie immer, wenn die Fremden Wakaya verlassen, nachdem sie für einen Bungalow pro Nacht etwa 1300 Mark gezahlt und ins Gästebuch geschrieben haben: „Wir fanden ein Paradies.“

Die weiche, einschmeichelnde Melodie geht mir schwer wieder aus dem Sinn, weil sie so sehr die sentimentalen Träume und die Phantasien von der Südsee nährt, gesungen von den Mädchen mit den Blumenblüten im Haar, deren Heimatdörfer auf anderen, weit entfernten Inseln liegen. Es ist ein altes Lied, das eine neue Zeit begleitet: „Isa! Isa! Vulagi lasa dina.“

Der junge Staat Fidschi setzt sich aus über 300 Inseln zusammen, von denen mehr als 100 bewohnt sind; 1970 wurde das Inselreich von der britischen Kolonialmacht unabhängig. In seiner Hauptstadt Suva auf der Insel Viti Levu und in den großen Urlaubskomplexen stürmt Fidschi, unterstützt von ausländischen Investoren und der Kapitalhilfe fremder Staaten, der Moderne entgegen. In den abgelegenen Dörfern und auf den für den Tourismus bisher nicht erschlossenen Inseln aber gewährt die Zeit den einheimischen Fischern und Bauern noch einen letzten Aufschub, den Alten vor allem.

Ihre Söhne und Töchter wandern in die Urlaubs-, Industrie- und Dienstleistungszentren des Landes ab, das sich zu einem politischen, wirtschaftlichen und touristischen Drehkreuz des Südpazifiks entwickeln will. Aber die jetzt gehen, die nehmen noch die Erinnerung mit an ihre in der Weite des Pazifiks verlorenen Heimatinseln. So leben die Abwanderer zwitterhaft zwischen Tradition und industriellem Fortschritt.

Davon erzählt Rasekaseka, den alle Johnny nennen, in der Zeit der kurzen Dämmerung, wenn die Venus einsam am Himmel steht, die Sonne das Meer noch einmal in geriffeltes Silber taucht und sich die Palmen schwarz im Gegenlicht wiegen. Johnny stammt von der kleinen Insel Batiki, die man an schönen Tagen von den Steilklippen Wakayas aus als eine Linie am Horizont sehen kann. Er verließ seine Insel, um als Kellner im eleganten Hotel „Regent“ auf Viti Levu anzuheuern. Aber als ein kanadischer Millionär seinen Südseetraum auf Wakaya verwirklichte, die Villa „Vale O“, das „Haus in den Wolken“, auf eine Bergspitze baute und die komfortablen Bungalows errichten ließ, floh Johnny wegen der „vielen Menschen und der großen Hektik“ aus dem feinen Hotel in die abgelegene Luxusanlage. „So war ich auch meiner Heimatinsel und meinen Eltern näher“, sagt er, „jetzt kann ich öfters mit dem Boot nach Hause fahren, und hier sehe ich auch die Fischer von Batiki vorbeisegeln, und ich kann ihnen zuwinken.“

Früher hatte Rasekaseka seine Eltern immer wieder eingeladen, ins „Regent“ zu kommen, damit sie das moderne Leben, die vielen Ausländer und den Arbeitsplatz ihres Sohnes kennenlernen sollten. Aber sie kamen nie. Sie wollten „das alles nicht sehen“, sagt Johnny. Sie lehnen den Tourismus ab, weil sie ahnen: Wenn einmal die Urlauber auch auf Batiki Fuß fassen, dann wird ihr traditionelles, fast autarkes Bauern- und Fischerleben endgültig vorbei sein.