Von Helmut Trotnow

Das Portrait von Karl Liebknecht zeigt auf den ersten Blick einen Mann im besten Alter – aktiv und voller Tatendrang. Bei näherem Hinsehen wandelt sich das Bild und offenbart eine eher feinfühlige, ja verletzliche Persönlichkeit.

Das Portrait galt bis vor kurzem als verschollen. Gemalt hatte es Robert Liebknecht, der zweite Sohn des Mitbegründers der KPD. Den Auftrag dazu hatte er 1930 von einem Moskauer Kunstverlag erhalten. Gewiß geschah dies nicht ohne Wissen der allmächtigen Partei in der Sowjetunion. Jetzt ist das Bild wieder aufgetaucht und kann in dem hier anzuzeigenden Band betrachtet werden. Dort erfahren wir auch, warum dieses Gemälde so lange in Moskauer Archivkellern verschwunden gewesen ist. Die sowjetischen Auftraggeber hatten an eine heroisierende Darstellung gedacht. Nachdenklichkeit und Differenzierung, wie sie Robert Liebknecht mit seinem Portrait anstrebte, waren im Staate Stalins nicht gefragt. Abschätzig urteilte der Künstler Heinrich Vogeler in einem Gutachten für die Sowjets: „In der vorliegenden Form ist das Bild für die Massenproduktion nicht geeignet, da es der Kritik der Massen nicht standhält.“

Das Schicksal des Portraits ist geradezu symbolisch für die gesamte Karl-Liebknecht-Rezeption in der kommunistischen Staatenwelt. Von Anfang an wurde sie von dem Bild eines Politikers geprägt, der unermüdlich gegen Militarismus und Krieg gekämpft hatte. Die Frage nach dem Menschen hinter dem Politiker wurde gar nicht erst gestellt. So mußte es zwangsläufig zu einem einseitigen Geschichtsbild kommen, das selbst die Darstellung des Politikers unglaubwürdig werden ließ.

Diese Betrachtungsweise wurde allerdings durch den Umstand gefördert, daß der Großteil von Liebknechts persönlichem Nachlaß im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Nur ein kleiner Teil konnte durch das entschlossene Handeln von Liebknechts zweiter Frau Sophie im Jahre 1933 vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet werden. Doch dieses Material lag fortan in Moskau, später in Kopie auch in Ost-Berlin. Allgemein zugänglich war es damit noch lange nicht, und diejenigen, die es nutzen durften, waren an die ideologischen Vorgaben der Partei gebunden.

Jetzt liegt erstmals eine ungekürzte Sammlung all jener Briefe und Postkarten vor, die Karl Liebknecht in der Zeit von 1906 bis 1918 an seine drei Kinder geschrieben hat. Herausgeber sind zwei Historikerinnen, die sich bereits zu DDR-Zeiten mit Liebknechts Biographie auseinandersetzten und fraglos zu den besten Kennern der einschlägigen Quellen gehören. Die rund neunzig Dokumente haben sie mit kurzen, präzisen Anmerkungen versehen und durch eine umfangreiche Chronik ergänzt, die auch den weiteren Lebensweg der einzelnen Familienmitglieder über den gewaltsamen Tod von Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 hinaus einbezieht.

Die drei Kinder stammten alle aus Liebknechts erster Ehe. Neben dem schon erwähnten Robert, der 1903 geboren wurde und noch heute in Paris lebt, waren dies Wilhelm, Jahrgang 1901, und Vera, die 1906 zur Welt kam. Beide sind mittlerweile verstorben. Während aber der Sohn 1975 in Moskau starb, wurde die Tochter schon 1934 als angehende Ärztin Opfer einer Tuberkuloseinfektion. Die Mutter der Kinder war bereits 1911 an den Folgen einer Gallenoperation gestorben. Zwar heiratete Karl Liebknecht bereits ein Jahr später wieder, doch seine junge Frau, die aus Rostow am Don stammende russische Kunsthistorikerin Sophie Ryss, hatte große Schwierigkeiten, einen so großen Haushalt zu führen. Ihr Mann konnte sie dabei kaum unterstützen, war er doch als Abgeordneter des Preußischen Landtags und Mitglied des Deutschen Reichstags vollauf mit der Politik beschäftigt. Hinzu kamen noch die beruflichen Verpflichtungen für sein gemeinsam mit dem älteren Bruder Theodor betriebenes Anwaltsbüro, immerhin eines der größten in Berlin.