Von Wilhelm Pauli

Er hatte gewarnt und gewarnt: Detlev, einst Filmvorführer, Einkäufer und Laufjunge eines Stuttgarter Schachtelkinounternehmers, war es gewohnt, manchmal sechs Projektoren gleichzeitig zu bedienen. Niemand hörte auf ihn. "Eine ordentliche Bildqualität ist doch nicht unbezahlbar, ein paar Tausender, und der Kunde fühlt sich verwöhnt!" Keine Reaktion. "Eine saubere Leinwand wäre doch kein Luxus." Nichts. "Bestuhlung, gewiß eine teure Angelegenheit. Aber alle zwanzig Jahre vielleicht einmal?"

Detlev ist in seinem Element. Wir stechen in den Kraichgau und nehmen die Steigung nach Waldwimmersbach in der grimmig-rumorigen Stimmung, die Filmfreunde befällt, wenn sie besseren Zeiten nachtrauern. Wir, zu dritt im sauber beschrifteten Ford Transit der Arbeitsgemeinschaft Kino-Mobil Baden-Württemberg e.V.: Das Kino-Mobil kommt.

Detlevs ansonsten gütiges und gemütliches Gesicht grundiert sich diabolisch. Recht geschieht es den jammernden Kinofritzen, die nun, da es zu spät ist und immer mehr Multiplex-Kinotempel entstehen, die Panik befällt. Detlev kennt Kinos, Filmkunstkinos, da erzittert die Leinwand, wenn in der Wohnung obendrüber die Toilettenspülung bedient wird. Mittendurch geht das Abflußrohr. Und er kennt welche, da fleckt die Projektionsfläche seit Jahren das Ejakulat aus vergangenen Pornokinotagen. "Her mit den Multiplexen", sagt er und beschleunigt zornig das Kino-Mobil. Dann fahren wir ein auf den Schulhof in Waldwimmersbach. "Wer nicht hören will, muß fühlen." Handbremse. Über sechzig Dörfer und Städtchen im ganzen Südweststaat fahren Detlev und sein Kollege Jo abwechselnd an. Zehn davon monatlich. In Waldwimmersbach sind sie heute zum ersten Mal.

Vor der Schule haben sich der Bürgermeister und einige seiner Mitarbeiter aufgestellt. Eine seltene Ehre. Die Feuerwehrjugend organisiert die Verpflegung. Eis, saure Pommes, Lutschketten, Cola und Popcorn. Später, in der Nacht unterm Sternenzelt, wird Frank N. Furter seinen Auftritt haben: Die "Rocky Horror Picture Show" als Open-air-Spektakel.

Aber noch ist Mittag. Die Kindervorstellung soll um 14 Uhr beginnen, die Jugendvorstellung um 17 Uhr. Das vorgesehene Gemeinde- und Vereinssälchen erweist sich als denkbar schlecht geeignet. Zu niedrig ist die schräg abfallende Decke. "Das nächste Mal ein anderer Raum!" Mehrfach fordert Detlev eine Alternative. Die gäbe es schon, wenn sie sich bloß verdunkeln ließe. Der Hausmeister ist gut gelaunt, wohl befeuert durch die Anwesenheit des Bürgermeisters und deshalb bereit, eine Lampe, die im Projektionsweg baumelt, abzuhängen. So ergibt sich immerhin eine ausgeleuchtete Fläche von doppelter TV-Bild-Dimension: Die Leinwand für den Sechzehn-Millimeter-Projektor. Da muß eben schon mal ein Auge zugehalten werden, wenn die Köpfe der Zuschauer als Schattenrisse in den Bildrand ragen. Besser als neulich in Neresheim: Als Jo dort aufzubauen begann, entdeckte er in dem für die Vorführung bereitgestellten Raum eine erschrockene Asylbewerberfamilie beim Mittagessen.

Claudia Brenneisen, Geschäftsführerin und Programmacherin des Kino-Mobil-Vereins, ist mitgekommen, um die Kontakte zum neuen Kunden zu pflegen. Das ist wichtig, vor allem, seitdem sich Detlevs und Jos Vorgänger selbständig gemacht haben und eine ganze Reihe ehemaliger Kino-Mobil-Kunden unter dem neuen Namen Mobiles Kino mit Kommerzware beliefern. Kultur her, Kultur hin, wenn ein Bürgermeister sich stark macht und Geld ausgibt für solch eine Veranstaltung, den Raum stellt und im Winter gar die Heizung aufdreht, dann will er auch Besucher sehen. Janeinja, ein richtiges Konzept gebe es noch nicht, sagt Brenneisen, nur die Vorstellung, das Kino in den ländlichen Raum zurückzubringen. Das "Gemeinschaftserlebnis Kino" solle dort wieder erfahrbar sein, das Vergnügen der großen Leinwand. Der "gute Film" als gemeinsames Anliegen.