TASCHENBUCH

Wem die Stunde schlägt, 1936. Ein junger Deutscher, Jahrgang 99, in den Kommunismus emigrierter Sohn aus jüdischem Bürgerhaus, Soldat der Internationalen Brigaden im Kampf für die Spanische Republik, überquert den Rio Guadarrama: „Der weite Mantel, unter dessen tiefem, viereckigem Kragenausschnitt der mittlerweile fast fünfzehn Jahre alt gewordene Smoking trübselig hervorlugte; darüber der Patronengurt, das Gewehr geschultert und mit Pariser Halbschuhen und Socken im eisigen Wasser stapsend – es war überwältigend komisch.“

Was ist das? Nur eine „Schnurre“, wie Alfred Kantorowicz es selber nennt? Oder das ganze Ungeschick (des Intellektuellen, des Jahrhunderts etc.) in einem Bild?

Immer wieder geht’s einem so mit diesem Büchlein – eine Plauderei eigentlich, nichts von Belang, und doch eine ganze Lebenserzählung. Ja: Erzählung. Man liest dieses Buch nicht, man hört es. Hört, wie da einer spricht, in diesem hellen Kaffeehauston, in dem noch der aufgeklärte Journalismus-Feuilletonismus der zwanziger Jahre nachklingt, heute fremd zwischen Talkshow-Gestammel und „Diskurs“-Geschrammel.

„Hören Sie“, schreibt Kantorowicz, und man hört zu, wie er, in seinen Kleiderschrank blickend, sein Zeitalter besichtigt, von den Mänteln und Anzügen berichtet, von all den prächtigen und schäbigen Kostümen, in denen er die Geschichte seines Lebens gespielt und erduldet hat. Von jenem Smoking zum Beispiel, frohen bürgerlichen Mutes gekauft, 1922 in München, in Erwartung akademischer Würden und beruflicher Debüts. Dann schmählich in den Spind verbannt, da Schwabings (und später: Berlins) Boheme doch andere Tarnung verlangte. Und trotzdem ihm die Treue gehalten, noch von den Eltern ins Exil nachgeschickt bekommen, verschnitten zum Guten Anzug und mit wechselndem Erfolg bei einer Betteltour durch englische Geldhäuser zur Anwendung gebracht: ‚,...und ich fühlte, wie die Augen der jungen, eleganten, schönen Frau Rothschild mit wenig schmeichelhaftem Mitleid auf meinem dürftigen Äußeren ruhten...“ Dann dieser letzte Auftritt, in Spanien, als antifaschistischer Smoking im Kampf gegen Franco.

Der Schein verrät das Bewußtsein, der Möchtegern-Kommunist entkommt seiner Bürgerlichkeit nicht. Aber der eigentliche Lebenskonflikt ist ein anderer, liegt tiefer. In der „Schnurre“ vom Mannheimer Anzug blitzt er in wieder einem, unvergeßlichen Bild auf. Mit edlem Wollstoff – ein Geschenk des Vaters – begibt sich der junge Redakteur der Neuen Badischen Landeszeitung zum angeblich ersten Schneider der Stadt. Doch, wie’s kommt, der Rock mißlingt. „Ich machte ein wenig unsicher darauf aufmerksam. Da wurde der kleine Geschäftsmann aber giftig. Von unten herauf, als nähme er nochmals unfehlbar Maß, sagte er mit beleidigter Stimme: ‚Der Anzug sitzt tadellos, so wie er sitzen muß bei normaler Figur. Oder ist der Herr Doktor etwa verwachsen? Dann allerdings...‘ mit vager, halb verächtlicher, halb bedauernder Handbewegung.“

Als nähme er nochmals unfehlbar Maß – der Kunde gibt sich geschlagen. Doch diese lächerliche Begebenheit, dieser Moment, in dem „der verschlagene Spießer von unten herauf seiner Verfehlung mit unverschämten Verdrehungen zuvorkommt und mir vor Ärger das Wort im Halse steckenbleibt“, wird Kantorowicz zum Schlüssel, „zum Sinnbild für viele weit empfindlichere Niederlagen“ in seinem Leben.