Von Joachim Fritz-Vannahme

Plötzlich war Stefan Schwarz der gute Mensch von Bonn. Nach seiner Jungfernrede im Bundestag vermerkte das Protokoll "anhaltenden Beifall bei der CDU/CSU und der FDP und Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen sowie bei Abgeordneten der SPD". Damals, im Dezember, reckte sich manche Hand zum Applaus, die eben noch hilflos im Schoß gelegen hatte, weil dort unten in Bosnien halt Grausames geschieht, die Deutschen aber ihre Finger besser nicht ins Räderwerk dieses Krieges stecken sollten.

"Was muß nach allem, was wir hier hören, eigentlich noch passieren, bis wir uns dazu entschließen können, nicht mehr nur zuzuschauen?" Mit Verve brach der junge Hinterbänkler von der CDU in eine meist schwerfällige bis schwermütige Menschenrechtsdebatte ein. "Wir wissen alles", rief Schwarz, dem seine glänzende Rhetorik über manche sachliche Bodenwelle weggleiten half. Am Ende stand nicht das übliche, abgewogene Resümee, sondern ein engagiertes Credo mit einem Hauch von Pathos: "Ich will nicht mehr schweigen." Geredet hat er seither auf allen Kanälen, im Radio und im Fernsehen, bei den "Tagesthemen" oder im "Wortwechsel" mit Klaus Kinkel. Stefan Schwarz sprach dabei allen aus der Seele, die im Fernsehsessel Abend für Abend von Trauer und Wut aufgebracht und von ihrer Ohnmacht niedergedrückt werden.

Geschwiegen hat der 33jährige Politiker aus dem pfälzischen Leubsdorf seit jener Rede wirklich nicht mehr. Immer frisch von der Leber weg verquickte er das Bedenkenswerte mit dem Bedenklichen. Er hat seine Empörung manchmal mit blindem Eifer, seine Berichte vom Grauen mit unbelegten Beweisen hochgereizt. Hat er das nötig? "Ich versuche, die deutsche Schweigemauer zu durchbrechen", verteidigt sich Stefan Schwarz. "Ich will weg von diesen anonymen Bildern aus Sarajevo, wo immer irgendwelche Granaten in irgendwelche Gebäude einschlagen. Diese Bilder sind genauso anonym wie die Zahl von sechs Millionen Toten, die uns immer einfällt, sobald wir vom Holocaust reden."

Gibt dem Grauen jedoch ein Gesicht, wer mit noch größeren Grausamkeiten hausieren geht? Vor der Kamera berichtete der Abgeordnete etwa von Hundeföten, die angeblich von serbischen Ärzten – "Mengeles serbische Erben" – bosnischen Frauen "eingepflanzt" wurden. Heute liegen ihm freilich korrigierende Aussagen vor, die weniger von Menschenversuchen als von Menschenschlächterei berichten. Die gemarterten Frauen mögen darin keinen Unterschied sehen: Doch wer mit solchen Horrornachrichten an die Öffentlichkeit geht, um diese buchstäblich mit aller Gewalt aufzurütteln, der muß sich die Frage schon gefallen lassen, wie er es mit Beleg und Beweis hält, wie er der Gefahr entgehen will, selbst manipuliert zu werden und womöglich wider Willen einen Voyeurismus zu bedienen, der sich an jedem Kriegsbild berauscht.

Stefan Schwarz erwähnte vergangene Woche in den "Tagesthemen" ein Videoband, das ihm zugespielt worden sei. Mag sein, daß seine Quellen wirklich besser im Dunkeln bleiben, damit er sie nicht gefährdet. Im Gespräch freilich unterstellt der Abgeordnete nachträglich, die "Tagesthemen"-Redaktion habe diese Aufnahmen nicht senden wollen, "weil sie denen zu grausam erschienen". Unsere Nachfrage bei der Fernsehanstalt in Hamburg freilich erhielt eine ganz andere Antwort. Dem Videoband fehle einfach die Beweiskraft. Und tatsächlich treten auf diesen Amateuraufnahmen, die Profis im Rhythmus von Spots zusammengeschnitten haben, keine Zeugen auf. Es fehlen vielfach die Ortsbezüge, die Bilder von zerschnittenen Kehlen und verstümmelten Leibern sind – wozu eigentlich? – mit englischem Kommentar und klirrender Begleitmusik unterlegt; im Vorspann wird um Spenden auf ein Konto in Großbritannien gebeten. Seine Redaktion habe schon grausamere Bilder gesehen und gewiß manches bewußt nicht gezeigt, begründet Moderator Ulrich Wickert die Zurückhaltung gegenüber dieser "Quelle". Der Verdacht von Stefan Schwarz, sein stiller Vorwurf, das Medien-Establishment ziehe einen Schleier vor die Schlächterei, kommt vorschnell und unüberlegt.

Freilich waren es seit jener Jungfernrede weniger solche Greuelnachrichten, die Stefan Schwarz Gehör verschafften. Es war vielmehr eine Naivität, die sich mit politischen Routineeinwänden nicht abfindet, ein unbekümmertes Engagement, das im Namen der Menschenrechte zum Handeln aufruft. "Wir sollen in kein Kriegsgeheul einstimmen, aber auch nicht immer nach neuen Entschuldigungen suchen, nichts zu tun", plädiert der junge Abgeordnete. Die "verquere und verquaste Diskussion um eine Grundgesetzänderung" sei ihm zuwider: "Ich verbinde mit meinem Aufruf kein taktisches Interesse in dieser Debatte. Mich treiben allein die Menschenrechte um. Es ist schizophren, immer nur nach Interventionsmöglichkeiten zu fragen, wenn die Bosnier selbst lediglich nach Waffen rufen und erklären, sie brauchten dann gar keine fremden Soldaten, um sich endlich richtig zu verteidigen." Stefan Schwarz fordert darum weniger eine Winterhilfe als Waffenhilfe für Sarajevo. In seinen Augen verführe die Grundgesetzdebatte nur zu Untätigkeit der deutschen Politik.