Vor dem Jahresende, so wurde berichtet, mokierte sich der Kanzler im kleinen Kreis über die Zustände auf den deutschen Bildschirmen: Wenn er mal spätabends den Fernseher einschalte, habe er nur die Wahl zwischen Kohl-Beschimpfung und Sex-Klamauk.

Zwischen diesen Eckwerten seiner TV-Erfahrungen wählte Helmut Kohl im neuen Jahr, was ihm vielleicht eine Art Mittelweg scheint: Er akzeptierte eine Einladung von Springers Sat 1. Dort will er sich alle zwei Monate eine halbe Stunde lang befragen lassen. Sechs Folgen sind vorerst verabredet. Kohl, die Serie.

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Geredet wird über „aktuelle Themen“, heißt es in der Ankündigung. Wer hätte das gedacht? Was jedoch aktuell ist, überläßt der Kommerzsender nicht den Journalisten, die den Kanzler befragen dürfen, sondern den Ermittlungen eines Meinungsforschungsinstituts. Damit zur Debatte steht, was wirklich aktuell ist, nicht das, was „die Bonner“ dafür halten. Originell.

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Auch der Bundeskanzler kritisiert jetzt, daß „einige Leute sich hier eine Macht anmaßen, die jedenfalls nicht in der Verfassung vorgesehen ist“. In Ordnung. Wenn er schon die Macht, die ihm die Verfassung zuschreibt – die Auswahl seiner Minister – nicht ausüben kann, wird er wenigstens darüber klagen dürfen, wenn andere zuviel Macht beanspruchen.

Aber wen meint er? Die Parteien? Mitnichten. Die Schelte gilt den öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten, die sich gegen eine Abschaffung der Gebühren – Grundlage ihrer Existenz – wehren. Kohl hat, so erzählte er neulich einem Privatradio, die „sehr persönliche Erfahrung gemacht“, daß sein Einfluß auf das öffentlich-rechtliche System „nahezu Null“ ist. Er meinte damit die nächtliche Ausstrahlung eines kuriosen Spielfilms („Die Terroristen“) im Dritten Programm seines ehemaligen Haussenders Südwestfunk. Das Kanzleramt hatte vergeblich versucht zu intervenieren (ZEIT 50/1992). Er denke, so sagte Kohl, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, „da die deutsche Öffentlichkeit ohne ideologische Scheuklappen darüber reden muß: Wie soll eigentlich das System bei uns weitergehen?“ Zumal die Gebührenempfänger ja auch Werbung senden. Zum Beispiel, wie wir neulich selbst beobachten konnten, für ein Getränk namens Bismarck, mit fein interpunktiertem Text: „Der erste deutsche Kanzler. Der hält, was er verspricht.“