Von Helga Hirsch

Zofia G. hatte sich auf den weiten Weg nach St. Petersburg gemacht, denn die Abtreibung sollte geheim und billig sein. Billig blieb sie auch, denn der Gynäkologe nahm den Eingriff auf dem Küchtisch von Frau Wiera Siergiejewna vor. Doch geheim ließ er sich nicht halten, weil das russische Betäubungsmittel kaum wirkte. Erst schrie Zofia G. vor Schmerzen, dann fiel sie in Ohnmacht und wurde ins Regionalkrankenhaus eingeliefert.

Das war im Sommer vergangenen Jahres, als das Krankenhaus ihrer polnischen Heimatstadt jede Abtreibung verweigerte. In vorauseilendem Gehorsam hatten die Ärzte die soziale Indikation als Grund für einen Abbruch bereits Anfang 1992 gestrichen. Seit dem 7. Januar 1993 hat der polnische Sejm dieser Übereinkunft nun auch Gesetzeskraft verliehen. Sollte Zofia G. – Gott verhüte es! – noch einmal schwanger werden, müßte sie wieder in den Zug nach St. Petersburg steigen. Ein Gesetz ohne soziale Indikation, schrieb die Gazeta Wyborcza, käme praktisch einem Verbot der Abtreibung gleich. Aus (künftig anerkannten) medizinischen Gründen ließen bisher nur ein bis zwei Prozent abtreiben.

Dennoch zeigten sich die meisten Kommentatoren halbwegs zufrieden mit dem Gesetz über Familienplanung, den Schutz des Fötus und die Zulässigkeit der Schwangerschaftsunterbrechung. Die rechte Mitte setzte zwar kein absolutes Verbot durch, brachte aber die Fristenregelung aus den fünfziger Jahren zu Fall – diese "schändliche Regelung", die, wie viele Priester in Anlehnung an Papst Johannes Paul II. verkündeten, dem "Völkermord von Auschwitz" gleichkäme. Die liberale Mitte konnte den rigiden Entwurf abschwächen. Nun dürfen Frauen abtreiben, wenn ihr Leben oder ihre Gesundheit bedroht ist, wenn der Fötus unheilbare Schäden aufweist, wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung oder eines Inzestes ist. Sie werden nicht bestraft, wohl aber die Ärzte (mit bis zu zwei Jahren Gefängnis) und die Ehemänner, Geliebten, Väter oder Mütter, die zur Abtreibung nötigen (sechs Monate bis acht Jahre Gefängnis).

Bozena U. zählt zur kleinen Gruppe polnischer Feministinnen. Statt wütend und enttäuscht zeigt sie sich gelassen und begrenzt optimistisch: "Der Streit ist noch lange nicht ausgestanden. Der Senat wird das Gesetz wieder verschärfen. Dann geht es zurück zum Sejm, der die Korrekturen nur mit absoluter Mehrheit zurückweisen kann. Dann steht noch die Zustimmung des Präsidenten aus, der ein Gesetz, das Abtreibungen legalisiert, nicht unterschreiben will. Die Debatte bleibt uns also noch eine Weile erhalten. Und das ist gut so – denn hat sie uns nicht schon sehr viel gebracht?"

Erst wollten die Solidarnosc-Männer das Problem verdrängen, weil es vom Kampf gegen das kommunistische System ablenke. Dann kam es ihnen politisch ungelegen, weil mit der Kritik an der katholischen Kirche die antitotalitäre Einheitsfront zerbrach. Nun hat der Streit auch noch die ganze Doppelmoral offenbart, vor der die alten Solidarność-Kämpfer keineswegs gefeit sind. Die Abtreibungsdebatte wirkte auf der ganzen Linie desillusionierend.

Was die Zukunft bringen wird, läßt sich an der Vergangenheit ablesen. Schon seit Monaten galt: Vor jedem Eingriff müssen mehrere Ärzte konsultiert werden. Schon seit einem Jahr haben sich viele Ärzte der Selbstbeschränkung der Zunft unterworfen. So reduzierte sich die offizielle Zahl der Abtreibungen rapide – aber halblegale und illegale Methoden nahmen sprunghaft zu. Krankenhäuser informierten auf großen Plakaten "Hier werden keine Abtreibungen durchgeführt"; Privatpraxen hingegen boten ihre Dienste in der größten Tageszeitung gleich dutzendweise an: "Eingriffe in vollem Umfang! Narkosemittel aus dem Westen!". Krankenhausärzte lehnten offiziell ab – gaben aber zu verstehen: für 5 Millionen Zloty (gut 500 Mark) ließe sich alles unverzüglich arrangieren. Wohlhabende Frauen machten sich gleich auf den Weg nach Schweden und Deutschland; ärmere trugen ein größeres Risiko in der Tschechoslowakei, in Lemberg, St. Petersburg oder Moskau für 200 bis 350 Mark. Fehlte auch dieses Geld, halfen viele sich selbst. 1989 gab es im Krankenhaus der Kleinstadt Zduńska Wola 74 Abtreibungen und 48 Fehlgeburten; 1990 kamen auf 19 Abtreibungen 85 (!) Fehlgeburten. "Wenn eine Patientin zunächst um eine Abtreibung bittet und zwei Tage nach Ablehnung auf unserer Station mit einer einsetzenden Fehlgeburt landet", fragt ein Chefarzt achselzuckend, "was sollen wir dann davon halten?"