Von Hans Doderer

Als 1848 das Volk im Begriff war, die Macht im Staat an sich zu reißen, versprach ihm der preußische König die Pressefreiheit. Als jedoch das Volk wieder unter Kontrolle war, wurde die Zensur erneut eingeführt. Grundüberzeugung monarchistischen Denkens war es, daß der Staat nicht nur allgemein für Recht und Ordnung zu sorgen habe, sondern auch für das „richtige“ und „ordentliche“ Denken jedes einzelnen Untertanen. Damit der Staat eine erzieherische Aufgabe wahrnehmen konnte, mußten das Geistesleben des Volkes kontrolliert und nichtkonformes Denken verhindert werden.

In den Jahren 1851 und 1874 wurden zunächst für Preußen, dann für das Deutsche Reich Pressegesetze, schließlich 1878 für ganz Deutschland Strafgesetze geschaffen, nach denen Abweichungen von der Norm geahndet wurden. Kaiser Wilhelm II. formulierte 1901 die Norm für Kunst so: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr.“ Positives Ziel der Kunst sollte sein, den Idealismus der Untertanen zu wecken oder zu fördern. „Ebenso soll das Theater beitragen zur Bildung des Geistes und des Charakters und zur Veredelung der sittlichen Anschauungen. Das Theater ist auch eine Meiner Waffen.“ So der Kaiser im Jahre 1898. Weniger die königlichen Theater als vielmehr die Polizeibehörden und Gerichte wurden jedoch des Kaisers Waffen.

Nach dem Pressegesetz mußte von jeder Nummer einer „periodischen Druckschrift“, also Zeitung oder Zeitschrift, ein Exemplar der örtlichen Polizeidienststelle zur Durchsicht vorgelegt werden. Fand die Behörde einen Artikel anstößig, wurde die Ausgabe sofort beschlagnahmt. Gegen den Autor, den Verleger, ja sogar den Drucker wurden Strafverfahren eingeleitet. Theateraufführungen mußten vorab genehmigt werden, und Bücher wurden nach ihrem Erscheinen ebenfalls auf eventuelle Verstöße gegen die Paragraphen des Strafgesetzbuches zu Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung und Unzucht geprüft.

Die Justiz war mit dieser Aufgabe überfordert. Der Schriftsteller Kurt Martens berichtet amüsiert, daß der Leipziger Zensor 1895 die Aufführung eines Zwischenspiels von Cervantes mit dem Titel „Der eifersüchtige Alte“ als „sittlich anstößiges Machwerk eines modernen Ausländers“ verboten habe. Und als Conrad Alberti, 1890 angeklagt wegen Gotteslästerung und Darstellung angeblich unzüchtiger Szenen in seinem Roman „Die Alten und die Jungen“, den Richter während der Verhandlung fragte, ob er Hebbel kenne, antwortete dieser: „Hebbel? Nein. Sind seine Schriften in Leipzig erschienen?“

Zwar ist anzunehmen, daß sich Beamte, die ständig mit dem Referat Zensur beauftragt waren, allmählich Fachkenntnisse erwarben, vorgebildet für ihre Tätigkeit waren sie jedoch nicht. Es war daher naheliegend, daß mancherorts die Behörden Verbindungen zu Gewährsmännern knüpften, die ihnen als Experten in die Hände arbeiteten.

In München gab es seit 1908 einen Zensur-Beirat, der dem Zensor helfen sollte, zu einem fundierten Urteil zu gelangen. Erstaunlicherweise rechneten es sich die Mitglieder dieses Beirates zunächst offenbar zur Ehre an, mit dem Amt betraut zu sein, vielleicht glaubten sie auch, zu Unrecht inkriminierte Kunst vor dem Verdikt des Staates schützen zu können. Thomas Mann war Mitglied dieses Gremiums. Nach seinem Austritt, 1913 bewirkt durch das Drängen des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, schrieb er an Frank Wedekind: „Wenn ein bürgerlicher Einschlagen meine Produktion, in meine ganze Lebensstimmung und Lebenshaltung den bürgerlichen Ordnungsmächten ein täppisches Zutrauen zu mir einflößte: warum sollte ich solches Zutrauen nicht benutzen, um zwischen Genie und Ordnung politisch zu vermitteln?“