Von Heinrich von Tiedemann

Nun wollte ich es endlich auch wissen. Alle reden ja unablässig davon, schreiben kluge Artikel und so. Warum bloß können die Ossis die Ausländer nicht leiden, die, wie jeder halbwegs informierte Mensch erkennen muß, zu unserem Wohlstand so viel beitragen und damit die Milliarden für den „Aufschwung Ost“ aufzufüllen helfen.

Ehrlich gesagt, auch ich fühle mich unangenehm belästigt, wenn mich schwarzgelockte Kinder beim Flanieren über unsere Luxusboulevards anbetteln, doch ich dämpfe meinen Ärger, weil wohl kaum jemand, ob Aus- oder Inländer, seine kriminelle Hand nach meinem betagten Kleinwagen ausstrecken würde. Die Einbrüche bei meinen Nachbarn, von der örtlichen Polizei fahrendem Volk zugeschrieben, berühren mich kaum.

Zuweilen nehme ich schwarzhäutige Anhalter mit, die am Straßenrand stehen und in der nahen Kleinstadt etwas zu besorgen haben. Lange Jahre in Afrika haben in mir eine festsitzende Sympathie für die Bewohner des fernen Kontinents eingepflanzt, und wenn ich mich mit ihnen auf dem kurzen Weg unterhalte, empfinde ich Genugtuung, wenn sie über meine für einen deutschen Provinzler doch erwähnenswerten Kenntnisse der afrikanischen Verhältnisse staunen. Wir lachen dann zusammen, schütteln uns lange herzlich zum Abschied die Hand, und irgendwie tun sie mir dann leid, wie sie so im feuchtkalten Wind Schleswig-Holsteins zurückbleiben – in der Tropensonne wirkten sie einst, selbst die Ärmsten, stattlicher und unberührt.

Ich wollte also mal wieder ostdeutsche Luft schnuppern, dorthin fahren, wo ich meine Kindheit verbracht hatte, wo die Güter der Eltern meiner Schulkameraden lagen, nordöstlich von Berlin, wo man in Bernau die S-Bahn mit dem Bummelzug vertauschte. Eberswalde, Bad Freienwalde, Fürstenwalde, Müncheberg und Bukow, das waren so Namen, die ich nicht vergessen habe, das imposante Schiffshebewerk in Niederfinow und die Klosterruine Chorin. Von auffälligem Reichtum war dort nie etwas zu sehen gewesen, aber für preußisch-märkische Verhältnisse gab es doch landschaftlich reizvollen Zauber, die Dörfer und Städtchen lockten viele Berliner in die Sommerfrische, man genoß das Wochenende bei Kaffee und Pflaumenkuchen und einer Ruderpartie auf den vielen Seen.

Was ist geblieben von einem Landstrich, der erst Schlachtfeld der sowjetischen Großoffensive auf Berlin und dann Hinterhof eines kommunistischen Satrapenstaates wurde? Aber ja, die Hauptverkehrsstraßen haben meist schon westliches Niveau, und auch die Telekom zieht ihre Kabelschlangen durch die Buchenwälder. Mancherorts schlägt der Puls der Investoren unüberhörbar. Auf den steppenartigen Brachflächen, die früher dem Volk, also keinem gehörten, wühlen die Baumaschinen, und auch alte Gasthöfe zeigen sich in neuem Glanz, nicht selten mit gepfefferten Preisen. Der Bedarf an Übernachtungsmöglichkeiten ist groß, das Angebot verschwindend gering, sehr zum Leidwesen der zahllosen Fachleute und Vertreter aus dem Westen, die ja nicht nur gekommen sind, um die schnelle Mark zu machen, sondem auch als Entwicklungshelfer im guten Sinne.

„Was könnte man hier alles machen, wenn nicht die Ureinwohner wären“, sagte mir ein Techniker aus Westfalen, der schon in Pakistan und Ghana zivilisatorisch tätig gewesen war. So zynisch redete zwar kein anderer, aber man sucht sich bekanntlich gern die provokativsten Äußerungen heraus, um Stimmungen plastisch zu beschreiben. In einem schmuck renovierten Café brauchte man sich um einen Gesprächspartner nicht zu sorgen. Noch immer fühlt man sich als Wessi sofort erkannt, wohl weniger an der Kleidung als an der unbekümmerten Art, sich umzusehen und anerkennend den Blick übers Interieur schweifen zu lassen. „Toll, der Kuchen“, sagt man und weiß schon, daß ein solches Lob nirgends auf der Welt so falsch verstanden werden könnte. Es fremdelt unübersehbar, und besonders der Hinweis darauf, daß man schon vor sechzig Jahren hier sein Eis gegessen habe, trifft genau den falschen Ton, den zu vermeiden man sich fest vorgenommen hatte.