Dies ist kein Buch für antiimperialistische Gewissensapostel oder zaudernde Verfassungsdiskutanten. Schon im ersten Absatz stellt Walter Michler unmißverständlich klar: „Mehr als 30 000 gutgerüstete Soldaten intervenieren (in Somalia, B.G.), um ein sterbendes Volk vor dem totalen Untergang zu retten. Ein richtiger Schritt, ohne Wenn und Aber.“ Den Autor befallen demnach keine Berührungsängste beim Gebrauch eines Begriffes, den Skeptiker gerne als Chiffre für den globalen Hegemonieanspruch Washingtons deuten: „Die militärische Intervention als Dienerin der Humanität und Menschenrechte muß zu den Grundpfeilern einer neu zu etablierenden Weltordnung gehören.“

Denkt Michler wie die Schwarzköpfe im Pentagon? Steht er jenen Strategen auf der Bonner Hardthöhe nahe, die hinter dem Feigenblatt der Humanität endlich wieder einmal im Wüstensand und anderswo herumrommeln wollen? Mitnichten.

Hier schreibt ein preisgekrönter Afrikaexperte, der seit vielen Jahren die Krisenregionen des Schwarzen Kontinents bereist. Er hat Hungersnöte beschrieben, Bürgerkriege und Dürrekatastrophen. Das härtet ab. Doch was Michler bereits im vorigen Winter in Somalia sah, verschlug ihm zunächst die Sprache: die Selbstzerfleischung eines Volkes. Die Somalier, zersplittert in tödlich verfeindete Gans, können diesen Prozeß mit eigener Kraft nicht mehr aufhalten. Um Millionen vor dem Hungertod zu retten und das Fundament für einen Neubeginn zu legen, brauchen sie Hilfe von außen – ohne Wenn und Aber.

Restore Hope – die Operation „Neue Hoffnung“ unter dem Dach der Vereinten Nationen – kommt spät, zu spät, klagt der Autor. Er hat guten Grund dazu. Denn als er vor Jahresfrist das Thema Somalia anbot, da hatte es noch keine Konjunktur. In den Redaktionen des reichen Nordens wurde es routinemäßig in der Akte „Afrika, rettungslos verloren“ abgelegt. Die Uno reagierte zunächst zögerlich, Bonn schlief. Erst im August 1992 flimmerten die Horrorbilder aus Somalia um die Welt. Und plötzlich war das Erschrecken so groß wie vordem die Ignoranz.

Das letzte Kapitel dieses Buches handelt vom Versagen des Auslands – eine lebhafte Klage über die Gleichgültigkeit, auf die Afrika-Berichterstatter hierzulande oft treffen. So erklärt sich, warum manchmal der Zorn mit dem Autor durchgeht und seine Sprache in der Übersteigerung kraftlos wird. Was haben wir uns etwa unter einer „Eskalation der Hunger-Apokalypse“ vorzustellen? Dennoch ist es geradezu perfide, wenn Klaus Natorp in der FAZ schreibt: “... so schnell, wie Walter Michler meint, stirbt ein Volk nicht. Dafür sorgt schon die hohe Wachstumsrate der Bevölkerung von drei Prozent.“ Dies klinge zynisch, exkulpiert sich der Rezensent, aber es müsse einmal darauf hingewiesen werden. Also rülpste der Stammtisch im Konjunktiv!

Das Buch weist die Mängel eines „Schnellschusses“ auf, gewiß. Doch Michler gibt eine informative, stellenweise spannende Einführung in die somalische Tragödie. Vor allem diejenigen, die jetzt am allerlautesten nach deutschen Panzern am Horn von Afrika schreien, sollten sie lesen. Denn es sind womöglich dieselben, die erst den Diktator in Mogadischu alimentierten und dann das Trümmerfeld, welches er hinterließ, nicht mehr wahrnehmen wollten. Bartholomäus Grill