Na, da hat aber jemand den neuen Wilden Osten gründlich satt die neue Cleverneß, die Frittenbuden und diversen Pornoshops! Henning Pawel beschwört in seinem Buch „Jonny ist da!“ das idyllische Gegenteil, das, wie er es nennt, „letzte Paradies Europas“, einen Zipfel der thüringischen Rhön mit dem kleinen Dorf Dreißigwiesen. Wenn irgendwo die Zeit zum Stillstand gekommen ist, dann hier. Nicht nur äußerlich, wenn der alte Schäfer seine Herde über Hügel und in die Täler treibt, sondern auch in den Köpfen der Menschen.

Manche der Alten, wie die Großmutter und die Tante unseres Helden, können die Streiche ihres Enkels nur mit leichtem Kopfschütteln oder ergebenem Kopfnicken hinnehmen, wofür sie von Jonny die Ehrennamen „No“ und „Jes“ verliehen bekommen: Jonny ist wieder da, in der großen Ferienidylle, während seine Mutter an die Ostsee fährt und sich ihre Sommeraffäre leistet.

Ein bißchen altklug ist dieser Jonny, der seine Geschichte – in gehobenem Jugendjargon – selbst erzählt. Um ihn herum gruppieren sich Schäfer mit Hund, Förster mit Hund, der Schneidermeister (ohne Hund) und der schurkische Gastwirt. Alle mit abenteuerlichen Namen belegt, von denen man nicht weiß, ob sie Jonnys Phantasie entsprungen sind oder realem Hintergrund entsprechen. Und um das Glück vollkommen zu machen, geraten noch zwei weitere Gäste ins Dorf: „Omlett“, der dicke Vater, mit seinem Sohn Sascha. Das Wetter ist ferienmäßig schön, Holzschuppen, Zäune und Bäume haben genau die richtige Höhe, um drauf oder drüberzuklettern, und nur die riesige Eiche, der Satansbaum, flößt ein wenig Angst ein: Absonderliche Dinge ereignen sich in ihrem Umkreis.

Die Neugier treibt die Jungen in ein gefährliches Abenteuer. Natürlich in eines, das zum Ort paßt. Sie werden in einer alten Höhle eingeschlossen und – wie es sich für ein Ferienabenteuer schickt – kurz vor der Katastrophe gerettet. Ohne kitschig zu klingen, wird das beschrieben, lapidar, so wie sich auch der Autor – im übrigen einer der wenigen Jugendbucherzähler der ehemaligen DDR, der die Wende erfolgreich überstanden hat – der Zerbrechlichkeit einer solchen Rhönidylle bewußt ist. Es hat sie gegeben, und vielleicht wird sie noch eine Weile überdauern, auch wenn die ersten Busunternehmen schon einzufallen drohen und Tennisplätze geplant sind. Henning Pawel hat wenigstens zwischen zwei Buchdeckeln aufbewahrt, was bald nur mehr Erinnerung sein wird.

Apropos Buchdeckel: Einen reizvolleren Einband hätte man sich schon gewünscht. Die beiden Jungen sehen – um mit Jonny zu reden –, „obwohl sie eine gewisse Bezüglichkeit haben, ziemlich bekloppt aus“. Aber, vom Lesen sollte sich dadurch niemand abhalten lassen.

Susanne Krebs

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