Von Gero von Randow

In seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie schwärmte G. W. F. Hegel: "Bei dem Namen Griechenland ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute. Wissenschaft und Kunst wissen wir von Griechenland ausgegangen." Diese Lehre hat sich bis heute erhalten.

Die internationale Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte Isis (Bd. 83, Nr. 4) feuert nun jedoch mit mehreren Aufsätzen eine Breitseite gegen die übernommene Doktrin, nach der es die Griechen der Antike waren, die der Welt die Wissenschaft schenkten.

Die jüngste Auflage der "Encyclopaedia Britannica" etwa unterscheidet zwischen griechischer Wissenschaft und den "Protowissenschaften" aus Ägypten und Mesopotamien, die im Schatten der Theologie gestanden hätten. In Griechenland hingegen habe die Religion keine Antworten auf die Fragen nach dem Wesen des Kosmos und des Menschen bereitgehalten; erst das Fehlen der Theologie habe dem suchenden Geist freien Raum gelassen – "so wurden die Philosophie und ihr ältester Nachkomme, die Wissenschaft, geboren". Nach hergebrachter Lehrmeinung ist in den Demokratien Griechenlands überdies die wissenschaftliche Methode entstanden: Wo erstmals unter Gleichen diskutiert wurde, so hieß es lange, zählten statt Tradition und Autorität nur Experiment und Beweis.

Die Idealisierung des antiken Wissenschaftsbetriebs hat ihre eigene, ehrwürdige Geschichte. Sie reicht von der Renaissance über die Aufklärung bis zu den Fortschrittsideologien der Industriegesellschaften. Doch beginnend mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als die ersten Keilschriften entziffert wurden, häuften Historiker Fakten und Erkenntnisse aufeinander, unter denen der Hellenozentrismus nun zusammenbricht. Dazu hat besonders der österreichisch-amerikanische Historiker Otto Neugebauer (1899-1990) beigetragen, dessen 1975 erschienenes Opus magnum "A History of Ancient Mathematical Astronomy" zu dem Schluß kam, daß die mathematische Astronomie aller Kulturen, abgesehen von denen der Mayas und der Chinesen, zunächst auf babylonischen Fundamenten gründete.

Heute führen Historiker viele Beispiele für wissenschaftliche Leistungen der Babylonier an, etwa die Erkundungen irrationaler Zahlen und arithmetischer Folgen. Ihre ausgefeilten Formeln für die Sternenkunde dienten allerdings nicht Theorien über den Kosmos, sondern lediglich der Vorhersage von Himmelserscheinungen. Was die Griechen hinzufügten, schreibt der Altertumsforscher David Pingree, war das Bemühen um die geometrische Struktur und die Bewegungsabläufe des Firmaments – "zugleich aber übersetzten sie, und zwar in großem Maße, babylonische Folgen einfach nur in eine geometrische Sprache".

Eine Ehrenrettung erfährt auch die Wissenschaft des alten Ägypten. Mathematik, Medizin und mehr hätten sie in Ägypten gelernt, schrieben große Geister Griechenlands. Hellenozentristen haben diese Verneigung wohl nie ganz ernst genommen; in Isis indes werden gute Gründe dafür angeboten, daß nicht die geringsten Leistungen der griechischen Gelehrsamkeit Fortentwicklungen ägyptischen Wissens waren.