Von Ota Filip

Die große Geschichte ist auch die Geschichte ihrer zahlreichen, je nach ideologischem Bedarf von Demagogen zurechtgebogenen Geschichten. So gesehen ist auch die Publikation mit Beiträgen von fast dreißig überwiegend sudetendeutschen Autoren, von Funktionären und Politikern der Sudetendeutschen Landsmannschaft und von deutschen Historikern vom Schlage eines Hellmut Diwald, ein Versuch, die Geschichte der eben auseinandergefallenen Tschechoslowakei neu, diesmal von rechtsaußen, zu interpretieren.

Vier Grundgedanken ziehen sich wie ein brauner Faden durch das Buch: 1. Nach den beiden Weltkriegen behandelte der Rest der Welt das geschlagene Kaiserreich und Hitlers zerstörtes „Tausendjähriges Reich“ ungerecht, ja grausam. 2. Das Rad der Geschichte sollte nach den Vorstellungen der Interpreten tschechoslowakischer Geschichte zurück bis vor die Pariser Vorortverträge von 1919 gedreht werden, denn am deutschen Unglück waren nicht die zwei Weltkriege schuld, sondern Versailles und die Entscheidungen der Alliierten nach 1945. 3. Die deutsch-tschechoslowakische Geschichte verlief bis 1938 halbwegs normal. Dann geschah sechs Jahre lang nichts, wofür sich Deutsche oder Sudetendeutsche zu schämen hätten. Und erst im Frühjahr 1945 folgte aus heiterem Himmel die ungerechte und grausame Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. 4. Der Verfall des Rechts und der christlich-abendländischen Moral begann erst mit dieser Vertreibung. Vorher war die Welt in Hitlers Deutschland und auch in den von den Nazis okkupierten Ländern Europas ziemlich in Ordnung.

Die Tschechoslowakei war von Anfang an ein „Retortenstaat“; sein erster Präsident, Thomas G. Masaryk, ein herrschsüchtiger Chauvinist, Eduard Beneš, der zweite Präsident, ein Hochstapler und Falschspieler, jedenfalls ein Ausbund aller nur erdenklichen politischen Niederträchtigkeiten seiner Zeit. Über Hitlers Anteil am deutschen und europäischen Unglück ist in der sudetendeutschen Interpretation der tschechoslowakischen Geschichte kein kritisches Wort zu lesen. Die Okkupation der Rest-Tschechoslowakei am 15. März 1939 bewertet Richard W. Eichler so: „Gewiß hat die Einbeziehung Böhmens-Mährens den Grundsatz, keine fremden Völker dem Reich zu unterstellen, verletzt; für den geschichtsbewußten Hitler indes wogen tausend Jahre Reichsgeschichte schwerer als die zwanzig Jahre seit St. Germain.“ Für Alfred Schickel gipfelt die slowakische Geschichte im Zerfall der ČSFR, denn „die Reihe der bedeutenden slowakischen Patrioten verlängert sich von Prälat Hlinka über Josef Tiso (den faschistoiden Präsidenten des Slowakischen Staates – O.F.) bis zu Jan (richtig: Vladimir) Meciar“.

Für Toni Herget war die Tschechoslowakei eine „Fehlgeburt“, ein Staat, der unfähig gewesen sei, demokratisch zu regieren. Was die Gründung des Slowakischen Staates unter Hitlers Schutz im März 1939 betrifft, schreibt Herget: „Der Staatsstreich vom 9./10. März 1939 führte dann zur Proklamation der Slowakischen Republik, die der Slowakei einen Wohlstand brachte, den dieses Land vorher nie gekannt hat.“ Über die mehr als 45 000 vergasten slowakischen Juden, darüber, daß die Slowakische Republik Seite an Seite mit Hitler-Deutschland den Alliierten den Krieg erklärte, daß slowakische Soldaten gezwungen wurden, mit Hitlers Wehrmacht in die UdSSR einzufallen, schweigt sich der Autor aus. Diese Tatsachen passen eben nicht in sein Bild tschechoslowakischer Geschichte.

Alfred Ardelt beschreibt den Nazi-Terror im sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“ so: „Das Reich befand sich in einem Kampf auf Leben und Tod, adäquate Maßnahmen sind daher nur verständlich.“ Siegfried Zoglmann ärgert sich darüber, daß die Tschechen nach dem Sieg der sanften Revolution im Herbst 1989 die Frechheit hatten, einige Straßen und Plätze nach Eduard Beneš umzubennen. Aber am ärgerlichsten ist er auf Václav Havel. Denn in der Zeit, als dieser noch Staatspräsident war, zeichnete er in memoriam tschechische Soldaten aus, die 1942 in Prag das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor, Reinhard Heydrich, organisiert und auch erfolgreich durchgeführt hatten, und beförderte sie in den Rang von Offizieren. Diese Tatsache bewertet Zoglmann als „einen schon grotesken Ausdruck des tschechischen Chauvinismus“.

Roland Schnürch, ein Chemiker mit pseudophilosophischen Ambitionen, schreibt: „Mit dem völkerrechtlichen Untergang der ČSFR endet auch deren Gebietshoheit über das Sudetenland, die ihr von den Siegermächten nach dem Zweiten Weltkrieg stillschweigend übertragen worden war. Die Sudetendeutsche Volksgruppe sollte (...) ihrerseits eine Souveränitätserklärung über ihr Heimatgebiet abgeben.“ Denn es geht jetzt wieder – wie Alfred Ardelt betont – „um Rückerstattung dieses deutschen Landes. (...) Eger Reichenberg, Jägerndorf und Nikolsburg gehören ihnen (den Tschechen) nicht, das haben sie besetzt und das halten sie besetzt. Es ist deutsches Land.“