Von Rino Sanders

Die Familie ruft. Plötzlich und unerwartet ein freundlicher, ein geradezu liebenswürdiger Brief von einem, ja, Vetter wohl. Gibt’s dich noch und wenn ja, weißt du noch? Dreißig Jahre? Meine Güte, auch bei der heutigen Lebenserwartung ’ne Menge Zeit, die wir uns nicht gesehen haben. Da steckt ja beinahe die ganze Vita activa einer normalen Existenz drin, und immer war zuviel los, als daß man sich auch noch auf die Familie, der man, wie sich zeigt, doch irgendwie angehört, hätte besinnen können oder mögen.

Und nun diese ungezwungen herzliche Einladung zu einem Familientreffen, mütterlicherseits. Man liest das amüsiert und flüchtig durch und legt den Brief beiseite, zunehmend nachdenklich. Man nimmt sich zusammen und begibt sich ins Plusquamperfekt. Ja, da war man mal mit diesen Menschen, als man so um die 1,50 Meter maß, vielleicht auch noch 1,70. Andere Zeiten.

Doch jählings schreckt man auf. Hatte er geschrieben: „Wir sollten uns mal wiedersehen“ oder „Wir sollten uns noch mal wiedersehen“? Der Atem stockt. Nein, nein, da steht „mal wiedersehen“. Erleichtert atmet man auf und durch und ist schon halb entschlossen, trotz triftiger Bedenken mitzutun.

Seltsam, in der letzten Zeit kreuzen eigentlich längst abgehakte Personen brieflich oder leiblich wieder auf, eine eher rüde Alterserscheinung. Die Unruhe der Ruheständler, das Rückwärtsträumen der Senioren. Vor der, na, Pensionierung wäre es wohl keinem in den Sinn gekommen, so lange schon zerrissene Netze neu zu knüpfen. „Die Idee ist nicht von mir“, schreibt Vetter Hans, „die stammt von Hildegard.“ Das ist die älteste Cousine, die immer schon so einen Hang zu Großfamilien hatte. Ach ja, sie blieb kinderlos.

Nun schreibt auch sie. Komm doch! Alle freuen sich auf dich. – Auf mich? Das entfremdete Einzelkind? Ob sie das wirklich glaubt? Jedenfalls solle das Ganze bei Hans über die Bühne gehen, stadtnah, aber auf dem Lande und geographisch so gelegen, daß alle eine günstige Anreise hätten, auch ich. Sternfahrt nach W.

Auch ich! Beklommen und belustigt fuhr ich los. Zu denken, daß jetzt all diese älteren Leute gleichzeitig auf Schiene, Straße und in der Luft demselben Ort zustreben! Das müßte man mal graphisch auf den Bildschirm zaubern. Wer kommt als erste(r) an? Spannend.