Assisi

Wieder, wie 1986, hatte der Papst zum ökumenischen Friedens- und Versöhnungsgebet für Europa nach Assisi gerufen, in die Stadt jenes heiligen Franz, der den „Bruder Wolf“ beschwor, die Schafe zu schonen. „Schreckliche Verantwortung“ spüre er angesichts von Haß, Gewalt und Intoleranz zwischen Christen, zwischen Gläubigen an den einen Gott, gestand Johannes Paul II. einem Bischof. Mit starken Worten prangerte er „den Machtdurst, den Willen, andere zu überwältigen“ an. Mit dem Bekenntnis eigener Ohnmacht verband er die flehentliche Bitte an Christen, Muslime und Juden, einander doch zu zu respektieren.

Es gelang nicht. Zwar kamen nicht nur katholische Bischöfe aus dreißig europäischen Ländern; auch Lutheraner, Anglikaner, Methodisten und romferne Altkatholiken beteten mit dem Papst. Er, der ja von Frauen am Altar sonst nichts wissen will, umarmte sogar eine protestantische Pastorin aus der Schweiz. Immerhin 33 Vertreter des Islam in Europa waren gekommen – die meisten aus Kroatien und Bosnien. Die eingeladenen Juden hatten außer dem weisen Rabbi Rosen aus Jerusalem alle abgesagt, weil ihnen die Vatikanplanung das Reisen am Sabbat zugemutet hatte.

Alle orthodoxen Kirchen in Osteuropa, die russische, ukrainische, rumänische, bulgarische und – besonders schwerwiegend – die serbische verweigerten sich dem Friedensgebet. Vergeblich hatte der Papst kurz vorher noch den Hildesheimer Bischof Homeyer nach Belgrad geschickt, um den Patriarchen Pavle umzustimmen. Tatsächlich dürfte sich das Klima eher noch verschärfen, weil als einziger orthodoxer Würdenträger der mazedonische Metropolit von Skopje erschien. Er wird von allen anderen Kirchenfürsten seiner Konfession – von Moskau bis Athen – als Außenseiter abgelehnt, seit seine Kirche sich vom serbischen Patriarchat getrennt hat.

Überall im nachkommunistischen Osteuropa wächst nationalkirchliches Mißtrauen gegen die übernationale Kirche des (auch noch polnischen!) Papstes. Ihr wird vorgeworfen, sie betreibe Seelenfang auf Kosten anderer. Selbst der „ökumenische Patriarch“ in Istanbul, Ehrenoberhaupt aller Orthodoxen, kritisiert deswegen seinen römischen Amtskollegen. Der Dialog, seit Jahrzehnten gepflegt, stockt und wird überdies noch behindert wegen des Balkankrieges, diesem „absurden, irrationalen Kampf zwischen Brüdern“, wie der Papst klagte, „diesem Haufen von Sünden“. Hier sieht er den „diabolos“, den höllischen „Separatisten“ am Werk, der mit der Teufelssaat des Hasses die Menschen trennt.

Ein theologisch-mystisches Alibi? Oder eher ein Ausdruck von Verzweiflung, die den Menschen Karol Wojtyla, von Alter und Krankheit gezeichnet, über sein Papstamt erhebt und über Bedenken von Dogmenwächtern hinweg nach Einheit aller Religionen rufen läßt. Wenigstens eine Nachtwache lang. Denn angstvoll müsse man sich fragen – so rief er in Assisi –, „ob der europäische Mensch überhaupt noch imstande ist, sich aus dem Abgrund zu erheben, in den ihn eine verrückte Macht- und Herrschsucht auf Kosten anderer Menschen und Nationen gestürzt hat“.

Hansjakob Stehle