Mit dem Trompeter Gillespie ist ein Jazzmusiker abgetreten, der entscheidend am Abbruch des Swings und am Aufbruch in die Moderne beteiligt war. Sie nannten es Bebop, was sie in den Häuserschluchten von New York erfunden hatten. Eine nervöse, jagende Musik, eine Art Dadaismus des Jazz. Gillespie: „Ich glaube, damals führte alles zur Beschleunigung und Verdichtung, auch mit den Akkorden.“ Dagegen war der Swing ein ruhiger Ausflugsdampfer gewesen, auf dem Familien Kaffee kochen konnten. Die Musiker des Bebop mit Dizzy Gillespie im Zentrum waren Aufrührer, die gegen den Muff in den Dinnerjackets des Swings antraten. Sie waren ziegenbockbartbewachsene Existenzen mit Sonnenbrillen und Baskenmützen, und die feinen Leute von der Fifth Avenue hätten sie nicht einmal mit der Zange angefaßt: No dogs und no Bebop please.

Die Abneigung der amerikanischen Bourgeoisie beruhte auf Gegenseitigkeit. Als der Bebop wie eine blutrote Sonne am Horizont aufstieg, litten die Swing-Freaks unter Entzugserscheinungen. Schwindel erfaßte sie. Ihre Gehirne wurden dizzy, und es gefiel ihnen ganz und gar nicht, daß es unmöglich war, Miss Poopsie Miller zum Tanzen bei Bebop auszuführen. Denn: Bebop bricht Bürgerbein. Jenen, die ihn von Anfang an haßten, kam er irgendwie epileptisch vor.

Vielleicht hatten sie sogar recht. Psychosomatisch spiegelte er jene zerrütteten Zeiten wider, die in den vierziger Jahren alle Künste zu fermentieren schienen. Einer der Ochsen, die vor dem Tor des Bebops standen und ratlos mit dem Schweif wedelten, war Time. Im Mai 1948 fragte das Nachrichtenmagazin in einer Story über die unerhörten Klänge: „Wie taub kann man werden?“ Die Antwort hätte lauten müssen: So taub wie Strawinsky in seinem Bereich, denn Bebop bedeutete für den Jazz den großen Sprung nach vorn. Zum Bebop gehörte ein gewisser Habitus. Er war die wüste Jazz-Boheme der 52. Straße einschließlich ihres Superslangs, Lifestyle würde man das heute nennen. Für die da oben waren die Bebop-Musiker finstere Gestalten, die in ihren Katakomben irgend etwas ausbrüteten. Der Vogel – Phoenix Bebop in der Inkarnation des Saxophonisten Charlie Bird Parker –, den sie dann fliegen ließen, geistert noch heute als unzerstörbare Energie durch den Jazz unserer Zeit.

Dizzy Gillespie war in diesem Treiben das, was man ein lustiges Haus nennt. Ein wunderbarer Faxenmacher. Die Verkörperung der Gegenwelt zum etablierten E-Musik-Gehabe. Wenn er mit den Leuten im Parkett sprach, ihre Zwerchfelle erschütterte und sich die Zivilisationskrämpfe zu lösen begannen, dann begegneten wir der Philosophie eines Mannes, für den Nonsens die vielleicht höchste Form der Einsicht in dieser Welt bedeutet hatte und dem klar war: Auch Dizzy Gillespie ist nicht das musikalische Maß aller Dinge. Er liebte die Menschen. Er war nicht im geringsten unnahbar. Als ich ihn vor Jahren in New York an einer Straßenkreuzung traf, plauderten wir, als wären wir alte Freunde. Unerreichbar allerdings war er als Trompeter. Während sein Antipode Miles Davis rund um den Globus zahllose Nachahmer gefunden hat, die seinen Ton mit dem an jeder Ecke erhältlichen Dämpfer imitieren, blieb Gillespie resistent gegenüber jedem Versuch, ihn zu klonen. Dizzy Gillespie war ein Entdecker. Er war aber auch einer, der tief in der Tradition wurzelte. Ich kenne nur wenige Musiker der Moderne, die den Blues so packend spielen und singen konnten wie er. Etwa in der sagenumwobenen Nacht im Hamburger „Onkel Pö“ vom 23. März 1978, die ein Strudel war aus Bebop, Voodoo, Kirche, Puff und sogar Literaturseminar. Als Dix sein „Ooh Bop Sh’m Bam“ sang, dieses Corpus delicti des neuen Jazz, lernten die zweihundert vor Begeisterung Schafsäugigen, an welcher Stelle der Jazz und die Lyrik von Ernst Jandl sich berühren.

Coda: Dizzy Gillespie war kein Wichtigtuer, obgleich es später an offiziellen, manchmal nicht ganz geruchsfreien Ehren kaum fehlte: 1956 bereiste er mit seinem Orchester im Auftrag des State Departments die Welt, 1978 sang er im Weißen Haus mit Präsident Carter sein „Salt Peanuts“. Als man ihn fragte, wie er zu seiner legendären Komposition „A Night In Tunesia“ gekommen sei, sagte er ungefähr: „Na ja, ich hab’ das Ding auf einem Ölfaß hingekritzelt.“ Dizzy John Birks Gillespie aus Cheraw, South Carolina, 75 Jahre alt, starb Mittwoch letzter Woche an Krebs.

Michael Naura