Während der kleine City-Hopper durch Orkanböen wie ein Achterbahnwagen auf den Flugplatz von Erfurt zustürzt, ist der Auftritt des Schriftstellers längst vorbei. Ein paar Kilometer von Erfurt entfernt, hatte am Abend zuvor Rolf Hochhuth im Foyer des Weimarer Nationaltheaters aus seinem "Treuhand"-Stück "Wessis in Weimar" gelesen und eine Gardinenpredigt zur deutschen Wiedervereinigung gehalten. Die Thüringer Landeszeitung berichtet vom Tatort: "Im Dialog mit einer sozialdemokratischen Pfarrerstochter läßt der Autor die Argumente aufeinanderprallen, bezieht dabei eindeutig Position, indem er von Kolonialismus, Ausplünderung und Besatzungsrecht spricht. Damit trifft Hochhuth den Nerv hiesigen Empfindens, ist hautnah an den deutsch-deutschen Schwierigkeiten und wird sicher auch mit diesem Stück Geschichte mitschreiben." Hochhuth nennt die Ostdeutschen "unsere Brüder, die für uns alle den Rußlandfeldzug abgebüßt haben", berichtet die Thüringer Allgemeine. Rolf Hochhuth, der Meister der Leitz-Ordner-Dramatik, bereist den deutschen Osten und entdeckt ein geläutertes Land. Vierzig Jahre DDR, vierzig Jahre Buße.

Vor fünfzehn Jahren erzählte Thomas Brasch in seinem Buch "Vor den Vätern sterben die Söhne" von einem Westdeutschen, der einem jungen Mann in der DDR begegnet: ‚"Eigentlich büßt nur ihr hinter der Mauer die deutsche Geschichte ab’, sagte der Herr aus Stuttgart. ‚Einer muß es ja tun’, sagte Robert." Damals war der Westdeutsche mit dieser Situation vollkommen unzufrieden. Warum die Söhne die Kriege ihrer Väter abbüßen sollen, konnte er sich einfach nicht erklären.

Hochhuth in Weimar. Da hilft auch kein Nachdenken weiter. Das ist einfach so: Im Foyer des Nationaltheaters enthüllt der Bußprediger aus Basel sein Feindbild. Es ist die Kopie eines ganz alten Schinkens: "Der Klassenfeind", der Ausplünderer. Merken wir uns für diese Reise nach Thüringen von allem nur dies: Hier scheint ein Überfall stattzufinden. Und zwar auf Ostdeutsche. Plünderer in Thüringen. Wessis in Weimar. Es kann nie schaden, die politischen Verhältnisse zu kennen, bevor man ein Land bereist.

Die Orkanböen, die das Flugzeug fast vom Himmel rissen, haben inzwischen die Stromversorgung lahmgelegt. Es ist später Nachmittag und schon dunkel – da geht in Erfurt das Licht aus. Die Straßenbahnen bleiben stehen, in den Supermärkten warten die Kunden im Finstern, und die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen erlischt. Nur ein Gebäude erstrahlt noch in vollem Glanz: die Deutsche Bank. Das sieht aus, als hätte André Heller eine These von Heiner Müller inszeniert: "Die Identität der Deutschen war und ist die Deutschmark." Aber es ist nur ein ganz normaler Dezembernachmittag in Thüringen.

Der Wessi, der fast aus allen Wolken fiel, um in Erfurt anzukommen, reagiert vor allem erschrocken auf die plötzliche Nacht. Denn aus dem Fernsehen kennt er die Ex-DDR so: prügelnde Neonazis, unverbesserliche Stasi-Büttel, verstimmte Kleinbürger und brennende Asylantenheime. Eigentlich müßte jetzt etwas passieren in Erfurt. Aber das ist unheimlich: Es passiert überhaupt nichts. Im Supermarkt zündet die Kassiererin eine Kerze an und kassiert weiter. Keine Skinhead-Gruppe nutzt die Stunde für einen Raubzug, kein Kunde packt seinen Einkaufsbeutel und verschwindet in die Nacht. Keiner motzt, keiner wird nervös, niemand regt sich auf – nicht einmal das. Die Leute wirken weniger diszipliniert als passiv. Der Wessi schaut auf die Szene wie im Kino und erschrickt: Sind die echt? "Wir waren ein gefühlsunterdrücktes Volk", schreibt der Hallenser Therapeut Hans-Joachim Maaz in seinem DDR-Psychogramm "Der Gefühlsstau".

Nach fast einer Stunde geht das Licht wieder an. Der Wessi erinnert sich an das oberste Gebot für Touristen: When in Rome do as the Romans do. Er beschließt, sich auf dem kleinen Weihnachtsmarkt vor dem Hauptbahnhof eine Thüringer Bratwurst zu kaufen. Es gibt mehrere Stände, aber nur vor einem einzigen bildet sich eine riesige Schlange. Die anderen Griller fügen sich ohne jede Erregung in ihr Schicksal, allein mit ihren Würsten. Ist die Schlange vor dem einen Stand ein Protest gegen alle anderen? Waren nur die Würstchenbrater bei der Stasi oder auch die Metzger? Er kreist um die Stände und reiht sich schließlich, in diesen Zeiten der Salmonellen, aus Vorsicht in die lange Schlange ein. Später, in den Dörfern im Thüringer Wald, wird er entdecken, daß sich in einer einzigen Bank alle zusammendrängen: Bankstau. Dabei gäbe es mehrere Geldinstitute im Ort. Diese anderen bleiben weitgehend unbesucht.

Er kann unsere Brüder, die für uns alle den Rußlandfeldzug abgebüßt haben, nur schwer verstehen, obwohl er sich bemüht Schließlich will er einen Aufsatz schreiben, mitten aus dem frischen Leben Thüringens nach der Wende.