Von Hans Harald Bräutigam

Kaum eine chronische Erkrankung zersprengt das zum Mitleid nötige Einfühlungsvermögen so total wie die Schizophrenie, deren Symptome die Angehörigen des verwirrten Kranken oft in tiefe Ratlosigkeit stürzen. Die aus der „Seelenspaltung“ erwachsenen Krankheitszeichen, die mit der Psychose verbundenen Wahnvorstellungen, erreichen die scheinbar Gesunden nicht. Vielleicht sind die Versuche, das eigentlich Unerklärliche zu erklären, deswegen oft so nichtssagend und platt.

Die vielen wohlmeinenden Ratgeberschriften machen keine Ausnahme, auch wenn sich darin durch Ausbildung und Beruf legitimierte Fachleute an Betroffene wenden. Leider geht es dabei nicht selten so zu wie im Radio: Die Kommunikation verläuft in eine Richtung. Experten meinen zu wissen, was für Laien gut ist. Das Zuhören ist nicht ihre Sache.

Eine Ausnahme von der Regel machen Thomas Bock und Ingeborg Esterer. Ihr Buch „Stimmenreich. Mitteilungen über den Wahnsinn“ hat die Hauptpersonen, die Psychosekranken, endlich in den Diskurs einbezogen und nennt als Mitherausgeber J. E. Deranders. Der vielsagende Name ist das Pseudonym einer Betroffenen, die als „psychoseerfahren“ vorgestellt wird. Daß in dem Buch der Begriff „Psychose-Erkrankung“ durch „Psychose-Erfahrung“ ausgetauscht wird, ist wohl nicht als Tribut an den Zeitgeist zu verstehen, sondern mehr als richtungsweisende Aussage eines seit zwei Jahren an der Hamburger Universität veranstalteten Psychose-Seminars, über das in dem schmalen Band berichtet wird.

Das Buch enthält manche bedenkenswerte Empfehlung. So wird den Angehörigen geraten, zumindest den Versuch zu machen, die aus der Lebensgeschichte der Kranken entstandenen Wahninhalte als Aufschrei aus dem Unbewußten zu verstehen und nicht nur als Anklage. Der eher modische als wirklich fortschrittliche Umgang mit der Seelenheilkunde verführt allzuoft zu ungerechten Schuldzuweisungen: Da ist von fehlender mütterlicher Zuwendung oder gar von vorgeburtlicher Einsamkeit die Rede, alles Vermutungen, aus denen sich bittere Anwürfe konstruieren lassen, aber zum eigentlich Notwendigen, zur verständnisvollen Hilfe nämlich, reichen sie nicht aus.

Im wichtigsten Kapitel des Buches berichtet Ingeborg Esterer über die irrenden Gespräche zwischen Angehörigen und Kranken – eine zu Herzen gehende Beschreibung. Liebe und ruhige Geduld, das können wir bei ihr lernen, vermögen Leid und Leiden auf beiden Seiten erträglicher zu machen. Die schwere Aufgabe kann immer wieder mißlingen, wenn die Angehörigen in ihrem verständlichen Bestreben, nach Ursachen der Krankheit zu suchen, sich selbst als Opfer anbieten und in ungerechtfertigten Schuldvorwürfen versinken.

Psychoanalyse als Behandlung der schizophrenen Psychose, so wie sie Thomas Bock aufzeichnet, erreicht den psychotischen Kranken nicht. Sie ist prinzipiell darauf angelegt, die persönliche Distanz zum Patienten nicht zu überschreiten, zeigt damit gerade dort ihre Schwäche, wo wir sie doch gerne hilfreich sähen.