Von Susan Faludi

New York

Hillary Clinton polarisiert die amerikanische Öffentlichkeit – grob gesprochen: in Männer und Frauen. Die einen sind fasziniert und hingerissen, die anderen ziemlich erschrocken über die engagierte Anwältin und Feministin, die sich besonders im Kampf um mehr Kinderrechte profiliert hat.

Die gängige feministische Erklärung für die Hysterie, die Hillary Clinton entfacht hat, lautet so: Die Wächter der rostig gewordenen Gesellschaftsordnung – die Gelehrten, die politischen Holzer, die religiöse Rechte – halten ihre Hosen krampfhaft fest, weil Hillary Clinton eine unabhängige Frau ist. Sie fühlen sich bedroht von dieser Inkarnation der modernen Frauenbewegung, von ihrer Professionalität, von ihren feministischen Ansichten, von ihrem Versäumnis, einen Haufen Kinder großzuziehen, von ihrer finanziellen Unabhängigkeit und davon, welch große Rolle sie in der Karriere ihres Mannes Bill spielt.

Aber ist das die ganze Wahrheit? Schließlich ist Hillary Clinton nicht die erste First Lady mit einem gleichberechtigten Verhältnis zu ihrem Mann. Von Abigail Adams über Sarah Polk bis zu Rosalyn Carter haben zahlreiche First Ladies sich geweigert, den Part des Ich-verstehe-rein-garnichts-vom-politischen-Geschäft-Frauchens zu spielen. Sie waren an den politischen Entscheidungen ihrer Männer beteiligt. Sie nahmen an Kabinettssitzungen teil (Helen Taft), schrieben Reden (Bess Truman) und kontrollierten die politische Korrespondenz (Edith Wilson).

Hillary Clinton ist auch nicht die erste Feministin im Ostflügel des Weißen Hauses. Schon Eleanor Roosevelt kämpfte gegen Gesetze, die verheiratete Frauen während der Depression vom Arbeitsmarkt aussperrten. Betty Ford warb dafür, das Gebot der Gleichberechtigung in die Verfassung zu schreiben; sie ließ sich eigens zu diesem Zweck ein zusätzliches Telephon in ihr Büro installieren.

Ebenso ist Hillary Clintons Versäumnis, Megamutterschaft zu demonstrieren – sie hat „nur“ eine Tochter –, keine Abkehr von Gewohntem. Die Washingtons und die Polks hatten überhaupt keine Kinder. Auch die Tatsache, daß Hillary als Anwältin und mehrfache Aufsichtsrätin entschieden mehr Dollar verdiente als ihr Mann, der Gouverneur, ist keine Abirrung. Wie Betty Boyd Caroli in ihrem Buch „First Ladies“ schreibt, waren de meisten Präsidentenfrauen reicher als ihre Männer.