„ In einer Anstalt traf ich einen Abteilungsleiter, der mit den Gefangenen wie ein Hundeführer sprach: ‚Ab!‘, ,Fort!‘, ,Geh!‘. Nur der Befehl ,Platz!‘ fehlte. Es gibt keinen Häftling, den dies nicht verletzte. Einfache Regeln des Anstands sind außer Kraft gesetzt. ”

Von Ernst Klee

Die Zellen der oberhessischen Strafanstalt Butzbach heißen im Knastjargon „Wohnklo“. Der Abort steht seitlich der Tür. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett mit blaukariertem Bezug ergänzen das Inventar. Will der Gefangene aus dem vergitterten Fenster sehen, muß er auf den Tisch steigen.

In einem dieser Wohnklos sitze ich einem Gefangenen gegenüber (nennen wir ihn Hans Müller). Er ist durch Drogenabhängigkeit zum Straftäter geworden, hat Aids, kann nicht mehr zur Arbeit. Tagsüber darf er zwei Stunden auf den Anstaltshof, abends wird die Zelle nochmals zwei Stunden aufgesperrt: „Wenn nicht zwischendurch etwas passiert, wie Besuch oder Termin beim Arzt, sitz’ ich hier zwanzig Stunden auf der Bude. Damit ist der Tagesablauf geschildert: zwanzig Stunden Hütte. Und das tagtäglich, monatelang.“

Den aidskranken Häftling quält die Frage, wie lange sein Leben noch dauert: „Ich habe noch einige Jahre Knast zu verbüßen. Und ich bin täglich mit der Ungewißheit konfrontiert, schaff’ ich’s noch, in einem halbwegs vernünftigen körperlichen Zustand hier rauszukommen? Es geht ja nicht nur mir so. Hier im Haus sind es siebzehn Leute, die betroffen sind. Die große Angst ist es, hier zu sterben, daß sich die Gesundheit so weit verschlechtert, daß man hier echt zugrunde geht.“

Der Aids-Kranke hält es für „absoluten Quatsch“, Drogenabhängige in den Knast zu sperren, seine Begründung: „Hier im Knast gibt’s Drogen ohne Ende. Hier gibt’s Heroin, hier gibt’s Haschisch, hier gibt’s alles, was das Herz begehrt. Die Wahrscheinlichkeit, daß hier Gefangene wieder zur Droge greifen, ist wesentlich höher als wenn man zum Beispiel die Leute gleich zur Therapie lassen würde oder irgendwelche Alternativen hätte zum Strafvollzug.“

Ich habe mehrere Justizvollzugsanstalten besucht, mit Direktoren, Bediensteten und vor allem mit Inhaftierten gesprochen. In allen Anstalten kommen Häftlinge an Rauschgift. Ein Gefangener sagt: „Draußen mußte ich drei Kilometer laufen, heute gehe ich zwei Zellen weiter.“ Mindestens die Hälfte der Straffälligen sind im Bau, weil sie Drogen konsumierten, verkauften oder zur Finanzierung ihres Konsums Diebstähle oder Einbrüche begingen.