Sind Sie katholisch, werde ich immer gefragt, wenn ich mich als Vater von sieben Kindern offenbart habe. Nein, sage ich daraufhin, und es entsteht eine Pause, in der mein Gegenüber nach einer anderen Erklärung sucht oder sie von mir erwartet. Sieben Kinder sind nicht nur bedürftig, ernährt, gekleidet, erzogen zu werden, sie sind auch erklärungsbedürftig.

Es bedarf der Erklärung, wenn jemand wissentlich etwas tut, das allem Anschein nach jeder Vernunft widerspricht: wenn er Menschen in die Welt setzt. Ja, wenn es nicht die Welt wäre! Ja, wenn es nicht Menschen wären! Zu sagen: Sie machen mir eben Freude, genügt ja nicht. Mehr als zwei Kinder haben ist so etwas Ähnliches wie mehr als zwei Autos haben: ein Luxus, eine Sünde gegen die Welt. Man drückt ein Auge zu, wenn es ein oder zwei sind. Aber sieben! Das ist kein Versehen und keine Laune, das ist hartnäckiger Vorsatz. Da war es offenbar nicht mit der Komplettierung der Zweierbeziehung getan, da war es nicht damit getan, gewisse innerfamiliäre Erwartungen zu erfüllen. Da ist deutlich übererfüllt worden, da hat sich einer was erlaubt. Denn eigentlich und im Grunde ist doch allen klar: Der Mensch ist schlecht. Und: Das Boot ist voll. Abgesehen davon, daß Kinder sich nicht rechnen. Wer sieben Kinder hat, muß ein Kindernarr sein oder ein bißchen verrückt – oder eben Katholik.

Das Boot ist voll. Es nimmt ungewissen Kurs, und drunten, wo es keiner sieht, hat es ein mehr oder weniger großes Leck, soviel ist sicher. Im Bild vom vollen Boot steckt die merkwürdige Gewißheit, daß alle, die hinzukommen, den Untergang nur beschleunigen können. Gefüllt ist das Boot also offenbar mit faulen Luxuspassagieren. Woran es fehlt, sind also offenbar Navigatoren, tüchtige Seeleute, Bootsbauer, Erfinder aller Art; die aber vermutet man unter den Neuzugängen nicht. Warum eigentlich nicht? Woher kommt es, daß man keine Erwartungen setzt in die Neuen? Ist es das Gesetz des Luxus-Liners, daß er aus tüchtigen Seeleuten schlaffe Passagiere macht? Traut man der eigenen Spezies nicht mehr zu, als daß sie sich bis zur finalen arktischen Klippe an Sekt und Kaviar delektiert? Von Menschen, die sich nichts wert sind, ist allerdings wenig zu erwarten: Sie lassen sich’s wohl sein und predigen die Sündflut.

Der Mensch ist schlecht. Die Mißachtung allen Neuzuganges ist allgemein verbreitet, und sie ist etwas, das unter uns Zivilisierten zu den großen Tabus zählt: Sie trägt den uneingestandenen Namen der Menschenverachtung. Menschen – das sind, bevor sie etwas anderes sind, ökonomische Faktoren, also Verbraucher, keine Bereicherung der Welt, sondern deren große Heuschreckenplage. Wenn sie einmal da sind, herrje, dann ist es mal so. Und um den humanistischen Schein zu wahren, dürfen sie auch nicht wieder gehen, solang die Blutkonserve reicht. Aber eigentlich hat man sie nicht gern, die andern nicht und auch nicht sich selbst als einen von ihnen.

Passagiere, die mit einem Leck an Bord mehr oder weniger untätig auf ihren Untergang hintreiben, können so keine Selbstachtung gewinnen. Und bevor sie ihre kollektive Selbstachtung nicht wiederfinden, bevor sie es sich nicht wert sind, gerettet zu werden, können sie sich nicht daranmachen, das Leck zu stopfen. – Eine Spirale, wo fängt sie an? Daß sie Passagiere sind, ist Grund genug für den Untergang. Sie haben das Handeln anderen überlassen und halten sich an die Speisekarte. Das letzte Risiko sind die vielen Spiegel im Ballsaal, da kann es passieren, daß man von der eigenen Genießer-Visage erwischt wird.

An alles, was gut werden soll, muß geglaubt werden. An Menschen auch. Die Empirie genügt da nicht, auch nicht das eigene Spiegelbild im Ballsaal eines sinkenden Luxus-Liners. Setzt man Wesen in die Welt, von denen man nicht mehr erwartet, als daß sie halt irgendwie durchkommen und ihren Spaß haben und die Welt im übrigen noch ein Stück verdorbener hinterlassen werden, als sie sie vorfanden, setzt man also Wesen in die Welt, von denen nicht mehr zu erwarten ist, als gemeinhin von der "zivilisierten Menschheit" erwartet wird, zu der man selbst gehört (und die man inzwischen als das Krebsgeschwür des Planeten anzusehen sich gewöhnt hat), setzt man mit seinen Kindern also nicht auch Hoffnung in die Welt, dann kann man sich und den Kindern das In-die-Welt-Setzen getrost ersparen.

Ich glaube, von Menschen ist so ziemlich alles zu erwarten, vorausgesetzt, man erwartet es von ihnen und unterstellt ihnen nicht die eigene Resignation. Menschen haben die Welt an den Rand gebracht, und Menschen können sie retten. Sie haben dieses Leben erfunden und können sich ein anderes erfinden. Ich bin kein Kindernarr, bin nicht verrückt und nicht katholisch. Ein Irrationalist schon eher. Hoffen ist immer irrational. Mit meinen sieben Kindern behaupte ich etwas Unbeweisbares: daß man nichts Wertvolleres in die Welt setzen kann als Menschen.

Und daß der erbauliche Ton nicht so nachhallt, könnt ihr jetzt gern mal euer zynisches Lachen hören lassen. Martin Ahrends