Am 1. Januar hat das Deutsch-Polnische Jugendwerk die Arbeit aufgenommen. Anträge auf die Förderung von Austauschprogrammen können ab sofort eingereicht werden.

Vor dreißig Jahren riefen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer das Deutsch-Französische Jugendwerk ins Leben. Seit 1963 haben über 4,4 Millionen junge Menschen aus beiden Nachbarstaaten an mehr als 154 000 vom Jugendwerk unterstützten Veranstaltungen teilgenommen.

Das Nachbarland im Osten heißt Polen. Für viele junge Westdeutsche ist der Staat jenseits der Oder und Neiße auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Terra incognita. Jugendliche aus Deutschland kennen Menschen aus Polen – wenn überhaupt – hauptsächlich als Einkaufstouristen, Schwarzhändler, Asylbewerber oder als Aussiedler. Vorurteile werden zementiert.

In Polen hingegen sind auch bei Jugendlichen die preußischen und deutschen Eroberungsfeldzüge des 19. und 20. Jahrhunderts nicht vergessen. Der zunehmende Rechtsradikalismus und Übergriffe gegen Ausländer in der Bundesrepublik schüren die Angst vor Deutschland. Um analog zum Deutsch-Französischen Jugendwerk Brücken zwischen jungen Deutschen und Polen zu schlagen, hat das Polsko-Niemiecka Wspolpraca Mlodziezy, das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW), am 1. Januar 1993 mit Büros in Warschau und Potsdam seine Arbeit aufgenommen. Wurde die franko-germanische Jugendaussöhnung 1992 mit 47,9 Millionen Mark gefördert, muß sich das DPJW in seinem Startjahr mit mageren 6,5 Millionen bescheiden.

Dennoch ist Michael Lingenthal, einer der beiden Geschäftsführer des DPJW, mit dem Etat einigermaßen zufrieden, denn in den Jahren zuvor gab es viel weniger Geld für den Jugendaustausch. So konnten 1992 lediglich 18 000 deutsche und polnische Jugendliche an Begegnungsveranstaltungen teilnehmen. Lingenthal hofft, die Zahl 1993 auf 24 000 steigern zu können. Verglichen mit den 1,8 Millionen Jugendlichen aus der damaligen DDR und der früheren Volksrepublik Polen, die zwischen 1983 und 1990 auf Austauschreisen ins jeweilige Nachbarland fuhren, eine bescheidene Prognose.

Das DPJW setzt auf die Qualität der Begegnungen in kleineren Gruppen anstatt auf Massenveranstaltungen. Geschäftsführer Michael Lingenthal sieht einen der Schwerpunkte der Arbeit in der Förderung von beruflichen und berufsbildenden Begegnungen. Lingenthal: "Nichts verbindet mehr als die gemeinsame Praxis und Arbeit." Ferner sollen Treffen im grenznahen Raum zwischen Polen und Ostdeutschen besonders unterstützt werden, denn die Vorurteile der Jugendlichen aus dem Gebiet der ehemaligen DDR seien sehr viel größer als bei der westdeutschen Jugend. Lingenthal: "Nachbarschaft ist leichter aus der Distanz auszuhalten als aus der unmittelbaren Nähe."

Das Deutsch-Polnische Jugendwerk selbst ist kein Reiseveranstalter, sondern will den bestehenden Jugendaustausch erweitern und neue Initiativen ermöglichen. Zu den Aufgaben des DPJW gehört die finanzielle Förderung des Austausches, aber auch die Beratung und Information.