Ob gewollt oder unfreiwillig – Millionen Frauen haben keine Kinder. Seit die 68er Generation den sozialen Mythos zerstört hat, wonach das Hausfrauen- und Mutterdasein die höchste Erfüllung im Leben einer Frau sei, ist das Kinderkriegen nicht mehr selbstverständlich. „Noch nie war ein kinderfreies Leben eine so reale Alternative“, schreibt die amerikanische Journalistin Susan Lang in ihrem Buch „Wir Frauen ohne Kinder“, das kürzlich in der deutschen Übersetzung erschienen ist. Weil aber Entscheidungsfreiheit zwangsläufig Konflikte mit sich bringt, folgert Lang, daß Frauen die Antwort auf die Kinderfrage „noch nie so schwergefallen ist wie heute“.

Warum entscheiden sich Frauen gegen Kinder? Empfinden sie ihr Leben ohne Kinder als Befreiung oder werden sie im Alter von später Reue eingeholt? Diese Fragen hat die vierzigjährige Autorin, die selbst ungewollt kinderlos lebt, dreiundsechzig Frauen zwischen Mitte dreißig und hundert Jahren gestellt. Frauen aller Altersgruppen kommen also zu Wort: Frauen, die nie oder spät geheiratet haben, geschiedene, verwitwete, lesbische und unfruchtbare Frauen. Frauen, die bei diesem Thema mit den Tränen kämpfen und andere, die stolz darauf sind, nicht in die „Kinderfalle“ gegangen zu sein.

Die 36jährige Andrea war sich zunächst sicher, daß sie keine Kinder haben wollte. Bis sie dreißig wurde. In dieser Zeit sprach sie mit vielen Frauen über ihren zwiespältigen Kinderwunsch. Andrea hätte zwar gerne erfahren, wie es ist, schwanger zu sein und zu gebären, „aber das reicht nicht als Grund für ein Kind“. Die Arbeit als Verlegerin von Kinderbüchern füllt ihr Leben aus, für Kinder ist kein Platz. „Man kann eben nicht alles haben.“

Ohne Kinder zu leben, ist längst nicht immer ein Entschluß aus freien Stücken. Kinderlosigkeit wird dann als schmerzlicher Verlust erfahren, der viele Frauen in schwere Lebenskrisen stürzt. Unfruchtbarkeit und die meist vergeblichen Versuche, eine Schwangerschaft durch medizinische Behandlung einzuleiten, lösen oft Verzweiflung und Trauer aus. Die Carters haben all das durchgemacht. Heute sagen sie: „Wir konnten kinderlos sein und unser Leben durch das definieren, was uns fehlte, oder kinderfrei und damit die Vorteile betonen. Wir haben uns für letzeres entschieden. Statt erfolglose Möchtegerneltern zu sein, sind wir erfolgreiche Nicht-Eltern.“

Wenngleich der gesellschaftliche Druck spürbar, geringer geworden ist, löst die Frage „Haben Sie Kinder?“ noch immer peinliche Betroffenheit aus. Lissa, eine 45jährige Bibliothekarin, erzählt: „Ich hatte immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Das wird von Eltern nie verlangt.“ Von später Reue ist in den Gesprächen, nur selten die Rede. Wenn Bedauern über die verpaßte Erfahrung aufkommt, dann meist bei jenen Frauen, die in die Kinderlosigkeit hineingerutscht sind. Diese Frauen „sehen sich nie in der Lage zu einer endgültigen Entscheidung und treffen sie daher passiv, indem sie sich nicht entscheiden“.

Die „Frühentschiedenen“ berichten, sie hätten nie einen Mutterinstinkt verspürt. Kinderhaben bedeutet für sie Abhängigkeit, Identitätsverlust und mehr Plackerei als Freude. Nicht selten sind diese Frauen abgeschreckt durch das aufopfernde Leben ihrer Mütter. Helen, 66 Jahre: „Ich sah die zermürbende Arbeit, die Monotonie, die Mühsal, Kinder zu ernähren, zu kleiden, zu erziehen. Daher beschloß ich schon als Teenager, keine Kinder zu haben. Kinder haben das Leben meiner Mutter erstickt.“ Die amerikanische Feministin Gloria Steinern bringt es auf den Punkt: „Ich hatte die Wahl, jemand anderes zu gebären oder mich selbst.“ Andrea Hösch

  • Susan Lang: