Norbert Langer, Sozialarbeiter in Halle, nennt andere stille Reserven. Zumindest in den östlichen Bundesländern seien nie alle gemeldeten Asylsuchenden in ihren Heimen. Ein Drittel, so könne man rechnen, sei in der Regel nicht da, die meisten auf dem Weg nach Westen. Gezahlt werden alle Tagessätze dennoch.

Vom Steuergeld angelockt, wollen auch Eigentümer von Häusern, Hotels und Wohnungen ihren Schnitt machen. Dezernatsleiter von Sichard aus Lüneburg berichtet, er habe eine Familie einen Monat lang in einem Hotel unterbringen müssen, ein Notfall. Das kostete seine Behörde am Ende 4000 Mark. „Es gibt Privatleute“, klagt der Mann aus dem Amt, „die verdienen sich eine goldene Nase.“

Das Bundesinnenministerium teilt mit: Ein Flüchtling kostet Bund, Länder und Gemeinden 15 000 Mark pro Jahr. 8000 Mark werden den Asylsuchenden als Sozialhilfe ausgezahlt. Davon müssen sie ihren Lebensunterhalt finanzieren – eine Konjunkturspritze für die heimische Nahrungsmittelbranche und die Konsumgüterindustrie. Die restlichen 7000 Mark sehen die Flüchtlinge nicht, das Geld fließt unmittelbar der staatlich finanzierten Asylbranche zu. Die 900 Millionen Mark Krankenhilfe, die 1992 an Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken bezahlt wurden, sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Daß Asyl ein Geschäft ist, akzeptieren alle Beteiligten. Auch die Politiker. Sogar die Grünen und Alternativen setzen hier ganz auf die Kräfte des Marktes. So erklärt der Ausländerbeauftragte der AL-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Ismael Koşan, die Geschäftemacherei von Heimbetreibern kurzum zum zweitrangigen Problem. Darauf müsse man das Augenmerk gar nicht richten. Man brauche schließlich die Unterkünfte. Außerdem seien die Geschichten über Wucherpreise nur Gerüchte und nicht zu beweisen. In Niedersachsen bemüht sich der für die Flüchtlinge zuständige Minister Jürgen Trittin (Grüne), den Geschäftssinn der heimischen Unternehmer erst richtig zu wecken. Man sei froh, wenn ein privater Investor das Geschäft entdecke, heißt es im Ministerium. Mit 6000 Mark Mietvorauszahlungen pro Platz, die demnächst in Zuschüsse umgewandelt werden sollen, fördert Niedersachsen den Bau von Häusern anstelle von Containerlagern. Man müsse die Gemeinden davon überzeugen, daß die Versorgung von Flüchtlingen keine vorübergehende Angelegenheit sei, sagt Pressesprecher Michael Bertram.

Zufrieden mit den kommerziellen Interessen ihrer Vertragspartner sind auch die Sozialbehörden in Hamburg. Dort sind 2500 Flüchtlinge in Hotels und Pensionen untergebracht, eine Übergangslösung, die für einige Asylsuchende schon zwei Jahre lang andauert. Pro Tag erhalten die Hoteliers für jeden Asylsuchenden zwischen 20 und 65 Mark, im Durchschnitt 30 Mark. Hotelzimmer, mit vier, sechs, neun Personen belegt, sind keine Seltenheit. Das ergibt für den Vermieter Erlöse von 20 bis 585 Mark pro Tag und Zimmer.

Damit läßt sich sogar die Aids-Flaute im Rotlichtbezirk überbrücken. „Viele der angebotenen Hotels“, sagt Dieter Bobke, Leiter des Sozialamtes Hamburg-Mitte, „waren vorher Stundenhotels.“ Die passende Umgebung, um die schnelle Eingliederung in den neuen Kulturkreis zu gewährleisten. Manchmal werden die Verträge zwischen Sozialamt und Vermieter öffentlich, zum Beispiel im Fall von Willy Bartels, der als „König von St. Pauli“ berühmt wurde. Für 622 Flüchtlinge vermietete er unter anderem ein umgebautes Eros-Center an das Bezirksamt. Jährliche Mieteinnahme: 4,8 Millionen Mark, bei einer Tagesmiete von 22 Mark pro Person ein günstiges Angebot.

Die Sozialverwaltungen sind dankbar. „Die Stadt muß froh sein, daß die Eigentümer bereit sind, die Hotels und Pensionen zu verpachten“, beschreibt Sozialamtsleiter Bobke das Dilemma. In einem einzigen Viertel, St. Georg, gleich hinter dem Hauptbahnhof, dem Zentrum der Hamburger Drogenszene, hat seine Behörde 65 Hotels und Pensionen angemietet, in einigen Straßen jedes zweite Haus. „Es ist ein hartes Geschäft“, nimmt Bobke Anteil am Vermieterberuf, „das ist hart verdiente Rendite.“ Bei den Verhandlungen zwischen Hotelier und Verwaltung über die Höhe der Miete sind die Behörden häufig in der schwächeren Position, meint die Leiterin des Hamburger Amtes für Asylsuchende, Flüchtlinge und Lastenausgleich, Bettina Prott: „Die Behörden sind erpreßbar.“