Die humane Endlosschleife. Lichterketten landauf, landab. „Seid umschlungen ...“ – selten hat Beethovens „Neunte“ mit Schillers grenzenloser „Ode an die Freude“ so die Stimmung getroffen im Lande wie jetzt. Von München bis Hamburg, in Fußballstadien und Tennisarenen, bei Monsterkonzerten und Massendemonstrationen reichen wir ihm zumindest die Hände – ihm, unserem Freund, dem Ausländer. Und die ganze Welt ist eingeladen, zuzusehen und auszurufen: „Von hier und heute geht eine neue Epoche neuer deutscher Ausländerfreundlichkeit aus.“

Ja, wir sind wieder ein ausländerfreundliches Volk. In nur wenigen Tagen haben wir es geschafft umzuschalten: von der Schließung der Grenzen auf die weitestmögliche Öffnung der Arme; von trickreichen Grundgesetzänderungen auf allumfassende Verbrüderungsgesten; von der Asylrechtsbeschneidung auf die allgemeine Erklärung der gefühlsmäßigen Ausländerrechte; vom klammheimlichen Applaus für Fremdenhaß und -hatz auf Orgien der Humanität. Politiker, die gestern noch zu den Scharfmachern zählten, finden sich heute in vorderster Front der Ausländerfreunde wieder. Medienorgane, die Tag für Tag die Stimmung bereiteten für das fröhliche Halali, rufen plötzlich „SCHANDE“ aus über jedes ausländerfeindliche Haupt. Bild macht’s möglich. Und die taz marschiert im selben Demonstrationszug mit wie Bild. Die Träne quillt; die Erde hat uns wieder. Bei so viel unverhofftem Enthusiasmus könnte man an ein der Jahreszeit entsprechendes wundersames Wandlungsdrama glauben. Und tatsächlich: Viele ehrliche Seelen, die wir immer schon zu den wahren Ausländerfreunden rechnen durften, sind dabei. Die eher zaghafte bundesdeutsche Weltbürgerlichkeit hat sich bemerkbar gemacht. Die Internationale des Gefühls – warum nicht? Doch was ist das Bild-geleitete, jedenfalls Bild-begleitete humane Massenphänomen wirklich wert?

Zur Probe müßte man nur den vorsichtigen Singular der gegenwärtig so beliebten Parole „Mein Freund ist Ausländer“ durch den peinlichen „Millionen“-Plural ersetzen, von dem Schiller und Beethoven singen; und man wird sehen, wie viele Ausländer der Deutsche wirklich umschlingen will. Der Kuß für „die ganze Welt“; wen will er einschließen? Auch den unbekannten Nigerianer, Tamilen, Roma – nicht bloß die telegenen Unterhaltungsakrobaten beispielsweise von der Fußballfront. Ein Yeboah macht noch keinen „Ausländer“.

Dann diese geschickte Formulierung: „Mein Freund ist Ausländer“. Deswegen ist „der Ausländer“ aber noch lange nicht mein Freund. Und eben besagter „Ausländer“ – hat er auch nur von ferne etwas mit dem offenbar ganz anders gearteten „Asylanten“ zu tun? Wie wäre es, wenn man die Formel geringfügig veränderte: „Mein Freund ist Asylant“? Es braucht keine prophetischen Gaben vorherzusehen, wie Bild für ihn noch heute auf die Straße geht; wie die Politik all ihre miesen Pläne preisgibt und ihn brüderlich umarmt und der ganze erstaunliche Spuk abbrennt wie eine Wunderkerze.

Schizophrenie als Massenphänomen also: Dieses erstaunliche Land scheint es fertigzubringen, zugleich ausländerfreundlich und asylantenfeindlich zu sein. Ausländerfreundlich und realasylantenfreundlich: ganz klar. Allerdings ist wohl eher eine andere Diagnose angezeigt: scheinasylantenfeindlich und scheinausländerfreundlich. Unter dieser Parole können wir gewiß mit Bild und den zugehörigen politischen Erfüllungshilfen teilnehmen an der nächsten ausländerfreundlichen Lichterkette.

Ludger Lütkehaus