Von Norbert Greinacher

„Wie ein Einheimischer aus Eurer eigenen Mitte soll Euch der Fremdling gelten, der bei Euch wohnt, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst.“ (Drittes Buch Mose des Alten Testaments, 19. Kapitel, Vers 34)

Wer sich zu dem Gott bekennt, der im Alten und im Neuen Testament bezeugt wird, der muß um die Konsequenzen dieses Bekenntnisses wissen. Nach dem Zeugnis des Zweiten Buch Mose spricht Gott zu seinem Volke Israel: „Einen Fremdling sollst Du nicht bedrücken noch bedrängen; Ihr seid ja auch Fremdlinge gewesen in Ägypten. Witwen und Waisen sollt Ihr nicht bedrücken. Wenn Du sie doch bedrückst, und sie schreien zu mir, so werde ich ihr Schreien gewiß erhören, und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde Euch mit dem Schwerte töten, daß Eure Frauen Witwen und Eure Kinder Waisen werden“ (22, 20–23).

Nach der Aussage des Mattäus-Evangeliums spricht der Weltenrichter am Ende der Zeiten: „Was Ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt Ihr auch mir nicht getan“ (25, 45).

Eine radikalere Identifizierung Gottes mit dem Schicksal der Fremden und Armen kann ich mir nicht vorstellen. Hier geschieht etwas Ungeheuerliches! Der Gott Jahwe sagt zu seinem Volke, daß das Schicksal der Fremden, der Witwen und Waisen sein eigenes Schicksal ist. Wer die Hand gegen diese Schutzlosen und Rechtlosen erhebt, der erhebt die Hand gegen Gott selbst: Er begeht Blasphemie, das heißt Gotteslästerung.

Es stellt eine Tragödie, ja einen Skandal in der Geschichte des Christentums dar, daß diese radikal menschenfreundliche Einstellung der jüdischen und christlichen Traditionen gegenüber allen Menschen, gerade auch gegenüber den Ausländern, welche im Gegensatz stand zu den archaischen, fremdenfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen vieler Völker des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens in den Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt, von den Christen aufgegeben, ja massiv gegen diese universalistische Einstellung versündigt wurde.

Exemplarisch zeigt sich das immer wieder an dem Verhalten der Christen gegenüber den Juden. Deren Versuch, ihre kulturelle und religiöse Identität zu bewahren, führte schon in vorchristlicher Zeit zu Judenfeindschaft und zur Verfolgung der Juden. Im Römischen Reich gab es Diskriminierungen und lokale Judenverfolgungen zum Beispiel im Jahre 30 nach Christus in Alexandria, die sich dann während des jüdischen Aufstandes (66 bis 70 nach Christus) ausweiteten, besonders in den palästinensischen Hafenstädten. Mit dem wachsenden Einfluß des Christentums und seiner bewußten Abgrenzung vom Judentum verstärkten sich die judenfeindlichen Tendenzen. Durch die von Konstantin dem Großen (272 [?] bis 337) und seinen Nachfolgern erlassenen Gesetze wurden die Juden rechtlos und Judenverfolgungen reichsrechtlich sanktioniert. Zu größeren Judenverfolgungen kam es jedoch vor allem seit dem zwölften Jahrhundert: zunächst im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung und der Ketzerbekämpfung, danach vor allem wieder durch die als „Schwarzer Tod“ bezeichnete Pest-Epidemie von 1347 bis 1352, in deren Verlauf die Juden als typische „Sündenböcke“ angesehen und erbittert verfolgt wurden. Allein die Iberische Halbinsel bildete von Beginn des 8. Jahrhunderts bis 1492 eine Ausnahme. Unter der muslimischen Herrschaft bildete sich in diesen achthundert Jahren so etwas wie eine „multikulturelle Gesellschaft“, in der Muslime, Christen und Juden relativ friedlich miteinander koexistierten.