Von Irina von Zubow

Kennen Sie das – frühmorgens aufzuwachen, ehe die Sonne aufgegangen ist, und nichts zu hören außer dem Zwitschern der Vögel wie in einem hallenden, unendlichen Raum und in dem Horchen darauf ein existentielles Fühlen von Alleinsein, allein in einer vormenschlichen, unbewußten, verwilderten Welt?

Es ist das, was ich fühle beim Gang über das verlassene Krankenhausgelände in der Nacht; umgeben von riesigen, hallenartigen, neongrell erleuchteten Gebäuden – Lagerhäusern mit kranken Menschen und ein paar geschäftigen oder gerade strickenden oder kaffeekochenden Schwestern und Pflegern. Überreizte Nerven, die jeden Laut in ein unberechenbares Monster übersteigern. Ist das nun wirklich das Seufzen eines sich im Schlafe drehenden Menschen, oder ist es das Röcheln eines sich bereits in Agonie befindenden Sterbenden?

Das durchdringende Piepsen des Funks ist fast schmerzhaft, mein Herz schlägt schneller – eine Aufnahme.

In einer Viertelsekunde laufen alle Möglichkeiten einer nahenden Katastrophe wie ein Film vor mir ab. Mein Schritt hallt durch die einsamen Korridore, meine Anspannung wächst – was wird mich erwarten, Feuerwehr, Polizei, wer hat Dienst vom Pflegepersonal, jemand mit Erfahrung oder einer, der keine Ahnung hat?

Der Schlüssel der geschlossenen Abteilung dreht sich im Schloß. Ein blinder, schizophrener Mann tastet sich an mich heran, will von mir geführt werden. Für ihn gibt es schon lange keinen Tag und keine Nacht mehr, die Wände zwischen heute und morgen, zwischen hier und dort sind verrückt.

In der Ecke kauert eine junge Frau, das Gesicht hinter den Händen verborgen, dem Leben abgewandt. Drüben erklingt das meckernde Kichern einer fülligen Alten, die Windeln unter der Netzhose quellen hervor, das Kissen schleift sie auf dem Boden, lacht, spricht und kichert nur in einem fort, sie ist sich ihres Leides nicht bewußt, und doch tut das Erkennen der grotesk verzerrten Änderung ihrer Persönlichkeit dem Betrachter weh.