Niemals“, rief Jackie, als sie die Modellzeichnungen betrachtete, „nie und nimmer wird der Präsident mir das erlauben.“ Ärmellose Kleider, gekürzte Röcke und, sehr bedenklich, körpernah geschnittene Abendroben aus Satin, tiefdekolletiert oder schulterfrei – war das dem Sproß einer irisch-amerikanischen Katholikenfamilie zuzumuten? „Oleg, geh du zu ihm“, bat Jackie den Couturier, „vielleicht läßt er sich ja doch überreden.“

Oleg Cassini, ein alter Bekannter der Kennedys, erörterte mit dem im Familiären überaus prüden Präsidenten gerade die Vorzüge verschiedener Stellungen aus dem Kamasutra, als er wie nebenbei das Kleiderproblem zur Sprache brachte. „Entwirf, was du willst“, antwortete John F. Kennedy, in Gedanken noch ganz bei dem animierten Gespräch – so kam zustande, was als „Jackie-Look“ die Mode einer ganzen Frauengeneration bestimmen sollte.

Noch heute, 32 Jahre später, huscht ein bübisches Lächeln über Oleg Cassinis Gesicht, wenn er erzählt, wie er zum Leibschneider von Jackie Kennedy avancierte. Fortan kreierte er als „Official White House Designer“ nahezu ausschließlich für die Präsidentengattin, bis zu hundert Modelle pro Jahr: ihre Mäntel und Kleider, deren Schnittform als „A-Linie“ in die Modegeschichte einging; ihre Abendkleidung, schlicht und von erotischer Eleganz, die auf Spitzen und Rüschen verzichtete; und natürlich das berühmte Pillbox-Hütchen, das gerade wieder in die Mode kommt.

Seinem späteren Schaffen verdankt die Welt der Couture unter anderem die Nehru-Jacke, den Military- und den Cowboy-Look – doch undenkbar wäre der Aufstieg des Emigranten aus russisch-italienischem Adelsgeblüt gewesen, hätte er nicht reihenweise die Herzen der Filmstars erobert (und nicht selten ihr Bett). Er hatte Affären mit fast allem, was in Hollywood einen Rock und einen Namen trug: mit Marilyn Monroe zum Beispiel („ein wunderbarer Marshmallow“), mit Grace Kelly, die er sogar heiraten wollte, und mit Gene Tierney, die schließlich seine Ehefrau und Mutter seiner beiden Kinder wurde.

Heute ist er 79, längst geschieden und Besitzer eines Modeimperiums, das mit Couture, Prêt-àporter, Bademoden und Sonnenbrillen jährlich 450 Millionen Dollar umsetzt. Doch damit nicht genug. Weil Amerika eine „Go-Go-Gesellschaft“ ist, wie er sagt, mußte auch Cassini ein Parfüm mit seinem Namen auf den Markt bringen – und die Welt von diesem „ultimativen Duft“ überzeugen. So ist der alte Herr seit nunmehr zwei Jahren immer wieder auf Tour, über zwanzig Länder hat er werbend bereist. Kürzlich war auch Deutschland an der Reihe. Cassinis Urteil, fachmännisch: „Die Frauen hier sind ungemein schön.“

Stundenlange Interviews mit den immergleichen Fragen und Antworten hat er hinter sich gebracht – doch als er in seinem Hamburger Hotel alte Photoalben aufschlägt und Rita Hayworth in einem seiner Kleider sieht, weicht der Hauch von Müdigkeit aus seinem Grandseigneursgesicht. „Sie küßte mich dafür, ununterbrochen“, erinnert er sich und erklärt dabei, wie er Mode schöpft: „Wenn ich für Frauen etwas kreiere, dann entwickelt sich zwischen uns eine Romanze, bei der ich die Frau anatomisch genau anschaue. Ich bin dann halb Freund, halb Liebhaber.“

Dann fingert er, gar nicht prätentiös, ein paar verknautschte Photos von sich aus der Brieftasche: Cassini beim Tennis; Cassini im Sulky beim Trabrennsport, den er vor zwei Jahren aufgenommen hat; Cassini in seinem Haus auf Long Island, wo er ohne Frau, dafür aber friedlich mit Pferden, Katzen und sechzehn Hunden lebt. Geboren wurde Oleg Cassini 1913 in Paris, doch die ersten Lebensjahre verbrachte er in Kopenhagen. Sein Vater, Gesandter des Zaren am dänischen Hof, verließ die Familie im Herbst 1917, weil er glaubte, Rußland gegen die Revolution verteidigen zu müssen. Daraufhin zog die Mutter, eine geborene Contessa Cassini, mit ihren beiden Söhnen nach Florenz, wo sie eine Modeboutique für amerikanische Touristen eröffnete. Sie sorgte auch für die europäisch-aristokratische Erziehung und die daraus resultierenden Gentleman-Manieren, mit denen ihr Ältester später die Amerikaner so beeindrucken sollte. Bei Giorgio de Chirico lernte Oleg zeichnen, doch der entließ ihn mit den Verweis: „Du kannst nicht malen und gleichzeitig drei Stunden Tennis mit den Agnellis spielen.“ Also fing der mittlerweile Achtzehnjährige an, Mode zu entwerfen.