arte, Dienstag, 19. Januar, 22.20 Uhr: „Im Schuldenturm“

zenen zum Alpträumen: Das grüne T-Shirt über dem Kopf, den Revolver in der rechten Hand, erklärt der Killer seinen Broterwerb. „Ich muß töten, um zu überleben. Ich habe Kinder zu ernähren.“ Punkt, Schnitt, Szenenwechsel: Die Hände erhoben, stehen fünf Jungen mit dem Rücken zur Kamera an einer Wand – Schreie, Schüsse, Leichen. Maskierte Männer blicken auf ihre Arbeit – alle tot, alles erledigt

Diese beiden Sequenzen bilden die ersten Eindrücke eines 45 Minuten währenden Abstieges in die Wirklichkeit Brasiliens, einer Fernsehreise nach ganz unten – in den Süden, ins Massenelend eines Entwicklungslandes. Die Exekution wurde nachgestellt, das Interview mit dem Mörder jedoch ist scilichte, harte Reportage. Dem Film des Dokumentarfilmers Octavio Bezerra Cawalcanti gelingt, was die kurze Nachricht über die Krise im fernen Lateinamerika nicht kann: ein wenig das Leben, das Überleben am anderen Ende der Welt verständlich zu machen.

Brasilien ohne Karneval – das ist ein Teil der Weltordnung im Kannibalismus. Verarmte Bauern auf dem Weg in die Stadt rücken ins Bild, rechtlose Indianer. Und immer wieder de Straßenkinder, die als Bettler und Muncräuber von gedungenen Killern im Auftrag sauberer Geschäftsleute zu Tode gejagt werden. Der Name Fernando Color de Mello taucht nicht einmal auf; der brasilianische Präsident stürzte erst nach Abschluß der Dreharbeiten über seine Korruptionsaffäre. Gleichwohl liefert diese Dreiviertelstunde den Hintergrund, vor dem die Verbitterung einer Gesellschaft erst faßbar wird: die elende Kulisse der Favelas. Im Hunger sind die Menschen einen Politiker längst satt, der dem Volk Abwasser predigt und selbst Champagner säuft.

Es sind die Bilder, die diese Erklärungen liefern – nicht der bisweilen penetrante, fast platte Text, der weniger die eigene Elite als vielmehr „die Eroberer“ von einst und „die multinationalen Konzerne“ von heute anprangert. Als wären Collor & Co. nur dumme, naive Agenten des ausländischen Großkapitals. „Im Schuldenturm“ heißt der deutsche Titel der Produktion, die allein in dem etwa 120 Milliarden Dollar hohen Berg brasilianischer Verbindlichkeiten die Ursache von Not und Krise sieht. Aber vielleicht hätte der Regisseur mehr Mut zur Differenzierung bewiesen, wäre sein Film nicht von vornherein für Zuschauer im reichen Norden gedreht worden: Fördermittel aus den Industrieländern halfen, dieses Pamphlet des Südens für die „One-World-Initiative“ europäischer Fernsehanstalten anzufertigen. So klaffen Anspruch und Anschauung bisweilen auseinander.

Der Film erreicht dennoch dort seine Wirkung, wo er nicht agitiert, sondern dokumentiert: Die Mutter erzählt, wie die Polizei vor ihren eigenen Augen den Sohn erschoß; der Holzfäller legt die Motorsäge an den Baumstamm, während er vom Hunger spricht; der Kaiwa-Häuptling berichtet, daß sich 106 Indianer seines Stammes in den leisten zwei Jahren aus Angst vor der „Zivilisation“ das Leben nahmen. Derweil ist die ziffernschwere Agitation einer linken Ökonomin schnell vergessen. Und ebenso verblaßt die brasilianische Justizministerin, die selbst noch die Bankrotterklärung des Rechtsstaates in einen Vorwurf an hohe (ausländische Mächte kleidet „Seit der Sklaverei hat bei uns immer eine Minderheit die Mehrheit kontrolliert. Blutvergießen gehört überall zum Alltag.“

Arm oder reich ist auf den Straßen von Rio gleich Tod oder Leben. Hier sammelte Bezerra die besten, die dokumentarischen Elemente seines Films. Momentaufnahmen. Lässig sitzt der Jugendliche auf der Bank, fuchtelt mit der Pistole durch die Luft, faßt den Alltag seiner Bande in einem Satz zusammen: „Wir sind auf der richtigen Seite des falschen Lebens.“ Oder der anonyme Kopfgeldjäger aus der ersten Szene des Films, der schon „150 oder 160“ Straßenkinder ermordet hat, „keine Spur von Mitleid“ für „dieses Ungeziefer“ verspürt und hinzufügt: „Ich töte, solange ich bezahlt werde.“

Solche Offenbarungen von Opfern und Tälern kann nur ein Brasilianer sammeln: kein Kameramann aus London oder Mainz brachte diese Dokumente ins deutsche Wohnzimmer. Christian Wernicke