Wem ist er nicht aufgefallen, der geschickte Werbespot des Postdienstes: Berlin, Dresden, Leipzig und München, die bekannten Großstädte tauchen auf, dann folgen ein paar völlig unbekannte Dörfer in der Provinz. Am Ende des Reklamefilms ist das Landschaftspuzzle komplett und die Botschaft klar: Bei der Post gibt es – im Gegensatz zu privaten Paket- und Kurierdiensten – keine weißen Flecken auf der Karte. Sie bietet bundesweit und in den abgelegensten Orten ihre Dienstleistungen an. Zu der flächendeckenden Infrastruktur für alle Bürger, egal wo sie wohnen, gehören auch die 22 000 Postämter und -stellen im Lande.

Aber das riesige Zweigstellennetz der Staatsbetriebe ist teuer. Und schon lange streiten die Chefs von Postbank und Postdienst darüber, wie die Kosten gerecht zu verteilen sind. Die Postbank wickelt an nur 1500 Ämtern fast neunzig Prozent ihrer Geschäfte ab. Warum also soll sie die restlichen 20500 mitfinanzieren? Der Postdienst aber braucht den Partner, sonst wird er Schalter schließen und sein Werbekonzept einstampfen müssen. Wie schwer eine Einigung ist, zeigte sich zu Beginn der Woche, als die Entschlüsse immer wieder verschoben wurden.

Legten die Postmanager streng betriebswirtschaftliche Kriterien an, müßten neun von zehn Schaltern dichtgemacht werden. Doch ein solcher Kahlschlag würde bundesweiten Protest provozieren. Deshalb können sie sich ihrem Ziel nur behutsam nähern. Schließlich aber sollen sich Postbank und Postdienst in profitable Unternehmen verwandeln, damit sie bis zum Ende der neunziger Jahre eine Chance an der Börse haben.

Wenn dann noch immer mehr private Rivalen mit dem Postdienst konkurrieren, werden die Anhänger der reinen Marktlehre triumphieren. Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit hätte gesiegt. Das klingt gut. Doch wäre es unredlich, den Bürgern zu versprechen, daß alle gleichermaßen davon profitieren. Die Mechanismen des Marktes funktionieren zweifellos. Verschwiegen oder verdrängt wird nur gerne, daß die Folgen manchmal bitter sind. Die Entwicklung in Ostdeutschland zeigt das auf dramatische Weise. Immer lauter wird deshalb die Forderung nach mehr staatlichem Engagement.

Der neue Trend blieb für die Diskussion um die Postreform bisher ohne Resonanz. Die Postmanager haben denn auch keine andere Wahl, als nach streng betriebswirtschaftlichen Regeln zu handeln. Um trotzdem den totalen Rückzug aus der Fläche zu vermeiden, sollen künftig Tante-Emma-Läden zwar keine Bankgeschäfte betreiben, aber wenigstens Briefmarken verkaufen und Päckchen annehmen. Auf den ersten Blick eine akzeptable Idee. Sie funktioniert allerdings nur dort, wo es überhaupt noch Geschäfte auf dem Lande gibt.

Nicht ohne Grund läßt derzeit das Bundesbauministerium erforschen, wie die Versorgung mit Dienstleistungen und Waren in abgelegenen Ecken der Republik verbessert werden kann. Schließlich gilt es die unerwünschte Wanderung in die Ballungszentren zu verhindern. Die Initiative macht klar, was geschieht, falls der Markt seine Segnungen ungleich verteilt. Wenn nicht ganze Regionen von der Infrastruktur abgekoppelt werden sollen, muß der Staat doch wieder ran. Es bleibt am Ende nur die Entscheidung, aus welchem Topf die Steuergelder fließen.

Gunhild Lütge