Gräber, alles Gräber“, sagte Sean und wies mit seinem muskulösen, gebräunten Arm in Richtung der kleinen, ockerfarbenen Sandhügel, die teils mit Stöcken und verdorrtem Strauchwerk markiert, teils gänzlich schmucklos waren. Es war still. Ein paar Vögel stolzierten hochbeinig zwischen den Hügeln umher, die merkwürdig symmetrisch angeordnet schienen wie auf einem sorgsam bestellten Acker mit im warmen Sand reifenden Bodenfrüchten. „Fast alles Kinder“, sagte Sean, „einige bei den Schießereien umgekommen, die meisten verhungert“ – doch Opfer derselben Gewalt allesamt, desselben Wahnsinns, hätte er hinzufügen können, aber wir waren in Eile an jenem Dezembertag.

Der kräftige Arm wanderte weiter: „Da, nebenan, neben den Gräbern, das ist unser Fußballplatz“, und Seans Stimme wurde plötzlich lebhaft; doch für ausführlichere Schilderungen der Begegnungen zwischen der Kismaju-Elf und der Mannschaft aus dem Flüchtlingslager blieb keine Zeit, obwohl wir merkten, daß Sean Devereux auch gern einmal über das Leben statt über das Sterben in Somalia gesprochen hätte.

Wir kannten uns erst eine knappe Stunde. Es war eine Annäherung in Schüben. Erst war da weitab von der schlaglochübersäten Rollbahn die kleine Figur in Bermudashorts, blauem Polohemd und blauer Baseballkappe neben den beiden Autos gewesen, umringt von waffenschwingenden Somalis. Als fast alle 160 Weizensäcke aus der Bundeswehr-Transall ausgeladen waren, gingen wir hundert Meter aufeinander zu und begrüßten uns. Ein kantiges Gesicht, dunkles Haar, flinke, wachsame Augen, darüber die Mütze: Unicef stand drauf. Und Sean – verriet der Vorname den Iren? Allerdings, die Eltern stammen ursprünglich aus Cork, aber er war in England geboren. Vor 28 Jahren.

Einen halben Tag lang war Sean dann Lotse für Shane und Bartley, mein australisch/neuseeländisches Kamerateam, und mich. Er führte uns durch das Elend von Kismaju, jene südöstliche Hafenstadt, in der heftigste Kämpfe zwischen den rivalisierenden somalischen Clans getobt hatten.

„Wir haben es mit dem völligen Kollaps einer Gesellschaft zu tun“, berichtete uns Sean. „Zwei Jahre absolut verrückten Krieges und Mordens haben die Leute hinter sich. Banditen überall. 50 000 Menschen haben allein in dieser Gegend ihre Dörfer und Farmen verlassen, weil sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Es wäre schon viel erreicht, wenn die Leute wenigstens eine Atempause hätten, einen Schimmer von Normalität zu sehen bekämen – eine Normalität, die ihnen hier völlig abhanden gekommen ist.“

Sean war seit dem Sommer in Kismaju, um hier für die Unicef die Verteilung der Nahrungsmittelhilfe zu organisieren. Vorher hatte er mehrere Jahre in Liberia gearbeitet. „I loved it there“, schwärmte er, obwohl er auch dort wiederholt in den Strudel der Gewalt geraten war: „Ein Wahnsinnsland. In Monrovia kommst du dir, hey man!, vor wie in Chicago, und zwei Kilometer weiter bist du im tiefsten afrikanischen Busch.“

Kismaju. Gräber. Trümmer. Kein Strom, kein Wasser. Ausgeweidet. Flüchtlingslager. Und Waffen über Waffen. Auch Sean hatte seine Wächter dabei, junge Burschen mit Maschinenpistolen und Gewehren. „Am Nachmittag heizt sich die Atmosphäre auf“, warnte er, „da kann es plötzlich losgehen. Es ist auch für uns eine absolut unmögliche Situation. Wir müssen Deals mit Kriminellen und Banditen abschließen, damit sie uns in Ruhe lassen. Wir arbeiten unter Bedingungen, die eigentlich unannehmbar sind.“