Von Petra Kipphoff

Natürlich ist Sanssouci schöner. Aber damals herrschte auch nur einer, zudem hatte er ästhetisches Augenmaß. Natürlich sind die Houses of Parliament in London eindrucksvoller, obwohl ihrerseits auch erst 1840 gebaut und ein Musterbeispiel des Historismus. Natürlich ist das Capitol in Washington komischer, hat sich hier doch die erste Demokratie der westlichen Welt mit der Kopie des Petersdoms ausgerechnet das Stammhaus der kontinuierlichsten Autokratie des Abendlandes nachgebaut. Aber was kann eigentlich der Reichstag in Berlin für die reichlich gemischten, für die immer eher negativen Emotionen, die er vor, während und nach seiner Entstehung ausgelöst hat? War es wirklich nur der halbgar gekochte Eintopf der Stile dieser Kommerzienratsarchitektur, der Harry Graf Kessler an eine "schlecht imitierte Augsburger Truhe" und, eine seltsame Allianz der Meinungen, Wilhelm II. an den "Gipfel der Geschmacklosigkeit" denken ließ, die Sozialdemokraten aber mit Freude erfüllte?

Die Gebäude der demokratischen Bürokratie sind immer häßlich und die der totalitären nicht minder. Der Streit um den Reichstag war, auch wenn über den Kuppelsaal oder das Programm des Figurenschmucks debattiert wurde, immer ein politischer, und oft wurde die Verpackung für den Inhalt genommen oder umgekehrt. Womit wir, wer hätte das gedacht, ganz plötzlich und unerwartet mitten in der Gegenwart wären und der glücklicherweise wieder virulent gewordenen Frage, was eine zeitweise Verpackung der Verpackung für den Inhalt bedeuten könnte. Nicht nur den von vorgestern, sondern auch den von übermorgen. Denn mit dem Umzug der Regierung von Bonn in die Hauptstadt Berlin wird der deutsche Bundestag im ehemaligen Reichstag seine Arbeit aufnehmen. Wobei die Tatsache, daß wir alles doppelt und dreifach haben, jenen Zustand des Luxus beschreibt, der auch Beunruhigung stiftet. Denn wir hatten und haben ja nicht nur den Reichstag. Wir haben ja auch den rechtzeitig zur deutschen Einheit renovierten Bundestag. Wir haben das Bonner Wasserwerk, entzückender Zwischenaufenthalt erst der halben, dann der ganzen Demokratie. Und wir haben, fast hätten wir’s vergessen, den Palast der Republik aus der Zeit des doppelten Deutschland.

Aus dieser Zeit stammt auch Christos Idee zum "Wrapped Reichstag, project for Berlin". Michael Cullen, früher Galerist in Berlin, heute der gründlichste Kenner des Reichstags und seiner Geschichte (die er in einem Buch dokumentiert hat) und Statthalter Christos am Ort, hatte den ihm damals persönlich noch nicht bekannten Künstler 1971 auf das Gebäude aufmerksam gemacht. Man traf sich, machte Pläne, erste Zeichnungen entstanden, 1973 sollte der Reichstag im Faltenwurf der Kunst erscheinen, umhüllt von weißen Nylonplanen, verschnürt mit Seilen.

Aber es kam anders, mußte anders kommen bei diesem Gebäude, dieser Stadt, dieser Geographie, diesem Land. Bei seinem 1972 vollendeten Projekt "Valley Curtain", der Verhängung eines Taleinschnitts in Colorado mit einem 200 000 Quadratmeter großen, orangefarbenen Tuch, hatte Christo die konzentrierte Gewalt der Natur kennengelernt: Nur 28 Stunden lang lebte diese Installation, deren Vorbereitung 26 Monate Zeit gekostet hatte, dann machte ein Sturm die vorzeitige Demontage nötig. In Berlin waren es die lähmende Kraft der Gewaltenteilung und die Einwände bedeutsamer Bedenkenträger, die das Projekt immer wieder verzögert und verhindert haben. Und damit verglichen, ist die Gewalt der Natur eine harmlose, weil gradlinige.

Die Tatsache, daß der Reichstag haarscharf an der Berliner Mauer lag, gehörte für den Künstler, der sich 1957 dem kommunistischen Terror in Bulgarien durch Flucht entzogen hatte, zum Reiz des Projekts, das mit seiner Biographie so verwickelt ist wie kein anderes. Als Christo im Sommer 1961 seine erste Ausstellung in Köln hatte, wurde auch die Mauer hochgezogen, ein, wie er sich erinnert, furchterregender Vorgang für den damals noch staatenlosen politischen Flüchtling ohne Paß. Als er nach Paris zurückkam, der Zwischenstation vor Amerika, baute er das auf, was er eine "poetische Interpretation der Berliner Mauer" nannte: eine Barrikade aus 240 Öltonnen, mit der er für acht Stunden die kleine Rue Visconti versperrte.

Als Christo 1976 zum erstenmal Berlin besuchte, da schien das Projekt, das er zunächst nur aus der Ferne und an der langen Leine hatte laufen lassen, schon milde versandet zwischen den Kompetenzen und Lizenzen der vier Besatzungsmächte, der Berliner Parteien und Bonn, wo der alleinige Hausherr des Reichstages saß und sitzt: der Bundestagspräsident. Für Christo aber, für den die Überwindung politischer und praktischer Hindernisse immer auch Teil seiner künstlerischen Arbeit ist und dessen Durchsetzungsenergie unendliche Reserven hat, fing die Arbeit erst richtig an. Hier in Berlin, wo der Riß, der durch die ganze Welt ging, so sichtbar war wie nirgendwo sonst, wollte er auf dem Boden des Westens ein Kunstwerk schaffen, das auch im Osten sichtbar war, dessen einfache Existenz aber der einen wie der anderen Ideologie zuwiderlaufen mußte.